Die Schule mit eigenem Tempo

An der Mosaik-Schule Alterswilen entscheiden die Schülerinnen und Schüler selbst, wie viel sie büffeln. Der Unterricht findet altersdurchmischt und individualisiert statt. Inge Staub (Text) und Reto Martin (Fotos) begleiteten die Jugendlichen einen Vormittag lang.

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Die Sofas der Mosaik-Schule sind begehrt: In der Pause sind sie stets voll belegt. (Bild: :)

Die Sofas der Mosaik-Schule sind begehrt: In der Pause sind sie stets voll belegt. (Bild: :)

ALTERSWILEN. Ein Velo reiht sich ans andere. Weder der Fahrradunterstand noch die Schulgebäude, die um den Pausenhof angeordnet sind, lassen erahnen, dass es sich bei dieser Schule um eine besondere handelt. Dies wird Besuchern erst dann klar, wenn sie das Schulhaus betreten. Über dem Eingang schweben «Nanas», die jenen der Künstlerin Niki de Saint Phalle sehr ähnlich sehen. Im Foyer laden eine Küchenzeile mit Barhocker, vier grosse schwarze Sofas und mehrere rote Sitzwürfel zum Verweilen ein. Jetzt, um 9 Uhr, ist das Foyer leer.

Nur wenige Schritte entfernt sind Stimmen zu hören. «Was ist ein Wortstamm?» – «Das ist der Teil des Wortes, den alle Wörter dieser Reihe gemeinsam haben.» Davia, Jasmin, Rebecca und Lena sitzen an einem Tisch in einem kleinen Glaskasten, vor ihnen liegt ein Aufgabenblatt und das Deutschbuch «Die Sprachstarken».

Die vier Mädchen im Alter zwischen 11 und 13 Jahren sind heiter, unterhalten sich, immer wieder zeigt eine auf die Wörter im Buch. Die Mädchen haben individualisierten Unterricht. Jede von ihnen muss die Aufgaben erledigen, die auf ihrem Blatt stehen. Denn die Sekundarschule Alterswilen ist eine Mosaik-Schule. «Die vier haben sich zusammengetan, um sich gegenseitig zu unterstützen», sagt Silvia Egger. Sie ist Heilpädagogin und kümmert sich an der Schule um Schüler mit besonderen Bedürfnissen.

Lehrer sind flexibel

In einem anderen Raum sitzen zehn Schülerinnen und Schüler, ebenfalls altersdurchmischt, jeweils alleine an einem Pult. «Löse die Aufgaben im Mathebuch», steht auf Finns Blatt. Hinter ihm an der Wand hängen Plakate mit Titeln wie «elektrische Influenz» oder «Quadratwurzeln». Finn selbst befasst sich mit rationalen und irrationalen Zahlen.

Ein Mädchen brütet über Steigungsberechnungen. Ihre Aufgabe lautet, die Steigerung der Strecke zu berechnen, auf der sich eine Seilbahn bewegt. Schulleiter Christian Lutz schaut den Kindern über die Schulter. Das Mädchen ruft ihn zu sich. «Wie komme ich zur Lösung?», fragt sie ihn. Er setzt sich neben die Schülerin und erarbeitet gemeinsam mit ihr die erforderlichen Rechenschritte. Da jeder Schüler eine andere Aufgabe hat, sind auch die Lehrerinnen und Lehrer gefordert. «Das hält uns fit und flexibel», sagt Christian Lutz, der im Kopf zwischen rationalen, irrationalen Zahlen und Steigungsberechnungen hin und her switchen muss.

Acht Coaches, 96 Schüler

Im Sitzungszimmer findet eine Standortbestimmung statt. Lehrerin Barbara Meier überprüft gemeinsam mit Tobias, wie weit er mit dem Lernen ist. 96 Schülerinnen und Schüler besuchen die Sek Alterswilen. Jeder der acht Coaches betreut vierzehn Schüler. Tobias findet das Coaching gut. «Man weiss damit, wie weit man ist, wo man Fortschritte gemacht hat und wo es noch hapert.»

Es ist zehn vor zehn. Türen öffnen sich. Schülerinnen und Schüler bewegen sich in Richtung Foyer. Im Nu sind die Sofas belegt, mehrheitlich von Buben. Einer packt ein Brot aus, ein anderer blättert auf seinem Handy. Die Mädchen glucken sich auf den roten Sitzwürfeln zusammen. Es wird gescherzt und gelacht. Die Lehrer tauschen sich am Küchentresen bei einer Tasse Kaffee aus.

Bessere Noten als vorher

Martina reisst sich von der Sofa-Clique los. Sie ist in der neunten Klasse. Im Sommer beginnt sie eine Lehre als KV-Angestellte. Sie besucht die Mosaik-Schule erst seit Beginn des achten Schuljahres. Zuvor war sie in einer normalen Sekschule. «Am Anfang habe ich das System nicht verstanden», sagt sie. «In meiner früheren Schule hat der Mathelehrer der ganzen Klasse den Stoff erklärt. Meistens hat die Hälfte der Klasse den Inhalt nicht kapiert», erzählt Martina. «Hier ist es anders. Die Lehrer erklären jedem, was er wissen muss. Und jeder kann sich den Stoff in seinem eigenen Tempo aneignen.» Seit Martina selbst entscheiden kann, was und wie viel sie lernt, haben sich ihre Noten um eine oder eineinhalb verbessert. Im Moment hat sie einen Schnitt von 5,5.

Auch gefällt der jungen Frau, dass sie wenig Hausaufgaben hat. «Ich versuche, alles, was ich Wissen muss, mir während der Schulzeit anzueignen, so habe ich mehr Freizeit.» Natürlich muss Martina wie ihre früheren Klassenkameradinnen zu Hause Französischvokabeln büffeln oder sich am Sonntagmorgen auf eine Biologieprüfung vorbereiten, doch hat sie mehr Zeit für andere Dinge. «Als ich in die Sek kam, musste ich das Klavierspielen aufgeben. Jetzt habe ich wieder Zeit dafür.»

Respekt und Wertschätzung

Prüfungen und Noten gibt es auch an der Schule Alterswilen. Auf Regeln wird ebenfalls nicht verzichtet. Doch die Regeln lauten Respekt haben, Wertschätzung zeigen, Mitgefühl haben, ehrlich sein. «Natürlich gibt es auch bei uns Konflikte. Wir lösen diese im Gespräch mit den Betroffenen. Oft wirken die anderen Schüler auf die Streithähne ein», sagt Silvia Egger.

Es ist zwanzig nach zehn. Es klingelt nicht, noch ertönt ein Gong. Die Schülerinnen und Schüler beenden ohne Aufforderung ihre Pause und suchen ihre Klassenzimmer auf. Die einen hören sich die Präsentation einer Mitschülerin an, andere besuchen einen Blockunterricht wie Kochen, Zeichnen oder textiles Werken.

Lauranne versucht im textilen Werken einen Schlüsselanhänger zu kreieren. Ein jüngeres Mädchen hilft ihr. Gemeinsam versuchen sie, das Seil so zu knoten, wie es die Lehrerin vorgeben hat. Lauranne ist ein Jahr zu Gast in Alterswilen. Sie lebt in einer Gastfamilie. Am Wochenende fährt sie mit dem Zug nach Hause, nach Fribourg. «Ich bin hier, um Deutsch zu lernen», sagt sie mit einwandfreier Aussprache. «Sie sprechen hier viel miteinander. Da lernt man die Sprache schnell.»

Die Sek im thurgauischen Dorf sei ganz anders als ihre Schule zu Hause. «Es ist hier viel lustiger.» Besonders imponiert ihr: «Hier ist alles kleiner und die meisten kommen mit dem Velo zur Schule.»

Jede Schülerin erarbeitet sich den Stoff selbst. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Jede Schülerin erarbeitet sich den Stoff selbst. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Schulleiter Christian Lutz hilft einem Schüler bei den Mathematikaufgaben. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Schulleiter Christian Lutz hilft einem Schüler bei den Mathematikaufgaben. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Vier Schülerinnen helfen sich gegenseitig bei einer Deutschlektion. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Vier Schülerinnen helfen sich gegenseitig bei einer Deutschlektion. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

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