Die Schätze im Lagerhaus

Mit Geldern aus dem Lotteriefonds sollen Fundstücke von Ausgrabungen in der St. Galler Kathedrale aufgefrischt werden. Noch immer fehlt allerdings ein Teil der vor rund 50 Jahren entdeckten Schätze.

Andreas Kneubühler/sda
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Wie hat die St. Galler Klosterkirche zur Blütezeit ausgesehen? Wurde nach dem um 820 gezeichneten Klosterplan gebaut? Diese und andere Fragen wären ein Fall für die Kantonsarchäologie, wenn sie in der St. Galler Kathedrale Ausgrabungen durchführen dürfte – oder wenn sie die Ergebnisse von Forschungen auswerten könnte, die dort vor einem halben Jahrhundert stattfanden.

Die Aktualität dieser Rätsel der Klostergeschichte belegen zwei Anträge für Gelder aus dem Lotteriefonds, über die der Kantonsrat in der Novembersession entscheidet, die heute beginnt: Zum einen soll der katholische Konfessionsteil 123 000 Franken an die Auffrischung des Lapidariums erhalten. Im gewölbeartigen Ausstellungsraum im Klostergebäude werden Kapitelle und Werkstücke von Vorläufern der Kathedrale ab dem 9. Jahrhundert gezeigt.

Weitere 200 000 Franken sollen an den Umbau eines neuen Ausstellungsraums der Stiftsbibliothek gesprochen werden, der 2019 eröffnet wird. Zum 1300-Jahr-Jubiläum des Klosters St. Gallen wird dort unter anderem der berühmte Klosterplan erstmals öffentlich präsentiert. Insgesamt sollen mit Hilfe von Stiftungen eine Million Franken eingesetzt werden.

Ausgrabungen von 1963 bis 1967

Beide Projekte stehen in direktem Zusammenhang mit Ausgrabungen, die in der Kathedrale von 1963 bis 1967 stattfanden. Das Problem dabei: Die Fundstücke, die vielleicht sogar Aufschluss über die Kirchenbauten unter dem ersten Abt Otmar geben könnten, wurden damals abtransportiert. Zurück blieben nur die grösseren Funde, die im Lapidarium gezeigt werden. Bis 2014 blieb das restliche Material in der Obhut des damaligen Grabungsleiters Hans-Rudolf Sennhauser. Er lagerte es in Kisten im Kellergewölbe seines Hauses in Zurzach AG ein. Über Jahrzehnte scheiterten sämtliche Versuche, vom anerkannten Kirchenexperten eine Auswertung der Ausgrabung zu bekommen. Inzwischen ist Sennhauser 85 Jahre alt, und noch immer steht der Schlussbericht aus.

Erst als der Kanton St. Gallen 2013 am Bezirksgericht Zurzach eine Klage einreichte, gab es einen ersten Teilerfolg: Es wurden Kopien der damaligen Unterlagen übergeben. 2014 konnte dann die Kantonsarchäologie rund drei Tonnen Material in Zurzach abholen. Seither lagern die Kisten in einem Lagerhaus am Stadtrand.

Noch fehle ein Teil der Grabungsdokumentation, ist Martin Schindler, Leiter der Kantonsarchäologie, überzeugt. Eine Auswertung der Funde mache aber erst Sinn, «wenn alles auf dem Tisch liegt», erklärt er. Die rechtlichen Auseinandersetzungen werden deshalb weitergeführt. Im Frühjahr 2016 haben sich die Parteien erstmals vor Gericht getroffen, nun wird nochmals verhandelt – allerdings nicht mit Sennhauser selber, sondern mit dem Anwalt einer von ihm gegründeten Stiftung.

St. Gallen ist nicht der einzige Kanton, der gegen Sennhauser vorgeht. Über ein Dutzend Kantonsarchäologien warten auf Schlussberichte. Erfolgreich war bisher Basel-Stadt. Dort wurden nach einem Gerichtsurteil Pläne und Fotografien von Ausgrabungen im Basler Münster ausgehändigt – rechtzeitig für das 1000-Jahr-Jubiläum des Kirchenbaus 2019.

Obwohl in St. Gallen das Warten vorläufig weitergeht, bleiben die Kisten nicht ungeöffnet. Im Zusammenhang mit der Erneuerung des Lapidariums sei ein Katalog geplant, in dem erstmals Fundstücke aus dem zurückgeholten Material der Öffentlichkeit präsentiert werden, kündigt Schindler an.

Bereits absehbar ist, dass die Ausstellung des Klosterplans kaum mit neuen Erkenntnissen aus dem Sennhauser-Material ergänzt werden kann.