«Die Qualitätsfrage hochhalten»

Der Regierungsrat hat das kantonale Kulturkonzept 2013–2015 verabschiedet. Kulturamtchef René Munz erklärt, wohin mehr Kulturgelder fliessen, was Aufgaben der Gemeinden wären und dass die Kulturkommission bleibt, was sie ist.

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Aktuell in einem kantonalen Museum: «main-tenantes» von Nadja Wüthrich im Rahmen von «10 000 Stunden» im Kunstmuseum. (Bild: Nana do Carmo)

Aktuell in einem kantonalen Museum: «main-tenantes» von Nadja Wüthrich im Rahmen von «10 000 Stunden» im Kunstmuseum. (Bild: Nana do Carmo)

Herr Munz, wo haben Sie geweibelt, dass der Kanton trotz eher klammen Finanzen neu 3 Millionen Franken mehr, also 26,2 Millionen, für die Kultur ausgibt?

René Munz: Überzeugungsarbeit ist zwar immer wichtig, aber die vorgesehenen Mehrausgaben betreffen nicht nur das Kulturamt, sondern alle «kulturellen» Ämter wie Archäologie, Denkmalpflege, Kantonsbibliothek, Staatsarchiv sowie die fünf Museen in meinem Amt. Ausserdem hat der Grosse Rat ja vor einiger Zeit dem Kulturlastenausgleich zwischen den Ostschweizer Kantonen zugestimmt. Die 1,6 Mio. Franken, welche an das Theater St. Gallen fliessen, sind erstmals in diesem Kulturkonzept enthalten, tragen also auch zum Mehraufwand bei. Und zum Glück haben wir auch den Lotteriefonds, wo wir dank gezielter Ausgabenplanung und guter Gewinnausschüttung von «Swisslos» derzeit einen Bestand haben, der uns erlaubt, für die nächsten Jahre einige gezielte Erhöhungen bei den Leistungsvereinbarungen einzugehen und neue Projekte zu planen, ohne dass jemand auf bisherige Leistungen verzichten müsste.

Wobei der Lotteriefonds nur um 800 000 Franken aufgestockt wird. Den grossen Anteil mit 15,5 Millionen machen auch in Zukunft die «kulturellen» Ämter und die Museen aus. Rein finanziell steht also die Kulturförderung weiterhin im Schatten der Kulturpflege.

Munz: Von den 8,8 Mio. Lotteriefonds-Mitteln gehen sogar noch 2 Mio. an die Denkmalpflege beziehungsweise den Natur- und Heimatschutzfonds, sind also auch für die Kulturpflege. Andererseits sind beispielsweise die Aktivitäten der Kantonsbibliothek und des Kunstmuseums zumindest teilweise der Kulturförderung zuzurechnen. Solche Vergleiche bringen aber nicht viel. Ausschlaggebend ist: Der Kanton hat gesetzliche Verpflichtungen zu erfüllen, und diese betreffen grossteils die Kulturpflege. Immerhin wendet der Kanton auch so schon wesentlich mehr Mittel auf für die Kulturförderung als alle Gemeinden zusammen. Obschon die Förderung des kulturellen Schaffens auch für die Gemeinden ein Verfassungsauftrag ist.

Inwiefern lässt sich die Kulturpflege im Thurgau politisch einfacher rechtfertigen?

Munz: Die Kulturpflege hat eine im vorletzten Jahrhundert gründende Tradition, die aus privaten Initiativen entstand und allmählich vom Staat übernommen wurde. Es gibt auch kaum eine Alternative, wer sollte es sonst tun? Wir können froh sein um die hohe Sachkompetenz, die der Kanton in diesen Bereichen aufgebaut hat.

Beim Historischen Museum und beim Kunstmuseum stellen sich Fragen zu Nutzungskonzepten und Erweiterungsbauten. Davon ist wohl im Kulturkonzept zu lesen, aber nicht als Schwerpunkt.

Munz: Ein Entscheid ist erst beim Kunstmuseum fällig, wo die private Stiftung Kartause Ittingen bereit ist, einen Erweiterungsbau zu erstellen. Was das Historische Museum betrifft, müssen zuerst verschiedene Ideen für dessen Weiterentwicklung geprüft werden, bevor ein konkreter Vorschlag zur Entscheidung vorliegt.

Im Bereich der Kulturförderung sind Qualität und Vielfalt Ziele des Kulturkonzepts. Ein Spagat?

Munz: Darum sind es eben zwei verschiedene Ziele, die nicht immer deckungsgleich sind. Wir versuchen, bei unseren Entscheiden immer die Qualitätsfrage hoch zu halten, aber manchmal fallen Entscheide zugunsten der Vielfalt.

Qualität kann einerseits durch Konzentration herbeigeführt oder erhöht werden, andererseits durch die Schaffung von Strukturen.

Munz: Deshalb scheint es uns wichtig, dass wir einerseits bestehenden Leistungsträgern, die während Jahren gute Arbeit leisten, aufgrund von Leistungsvereinbarungen eine längerfristige Planungssicherheit geben. Andererseits sollen auch Mittel zur Verfügung stehen für Projekte, die mit Risiken verbunden und nicht für alle Ewigkeiten gedacht sind.

Die Weiterentwicklung der regionalen Kulturförderung ist auch ein Schwerpunkt. Nimmt sich das Kulturamt in diesem Bereich nicht aus der Verantwortung, wenn es zugleich am Subsidiaritätsprinzip festhält?

Munz: Das Subsidiaritätsprinzip ist in der Kantonsverfassung verankert. In diesem Sinn sind auch Gemeinden zur Kulturförderung und zur Kulturpflege verpflichtet. Die Unterstützungsleistungen, die wir zu erbringen haben, müssen gemäss Lotteriefonds-Verordnung für eine grössere Region, für den Kanton oder für die Bodenseeregion von Bedeutung sein. Wir könnten uns damit aus der lokalen und regionalen Förderung zurückziehen. Stattdessen schaffen wir mit der regionalen Kulturförderung Anreize, indem wir die Mittel verdoppeln, welche die Gemeinden einbringen.

Und zum Schluss: Welche Rolle soll die kantonale Kulturkommission in Zukunft einnehmen? Von der beratenden Kommission zum kulturpolitisch agierenden Gremium mit Entscheidungsbefugnis?

Munz: Die Kulturkommission hat seit der Reorganisation des Departements für Erziehung und Kultur im Jahr 2002 die Funktion, welche sie auch in Zukunft haben wird: beratendes Gremium des Regierungsrates in kulturpolitischen Fragen. Eine aktive Rolle mit Entscheidungsbefugnis wurde der Kulturstiftung des Kantons Thurgau gegeben, es braucht hier wohl kein weiteres Gremium.

Interview: Mathias Frei

René Munz Amtschef Kulturamt (Bild: Quelle)

René Munz Amtschef Kulturamt (Bild: Quelle)