Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Die Musik als Tor zur Aussenwelt

In der Musiktherapie der Stiftung Sonnenhalde in Münchwilen können die Bewohnerinnen und Bewohner zu sich selbst finden und mit der Umwelt in Kontakt treten. Unsere Zeitung durfte bei zwei Therapien dabei sein.
Larissa Flammer
Der 19jährige A. K. freut sich über die Klänge, die er mit dem Becken und dem Gong erzeugen kann. Musiktherapeutin Dodo Trieblnig begleitet ihn mit der Gitarre und ihrem Gesang. (Bild: Larissa Flammer)

Der 19jährige A. K. freut sich über die Klänge, die er mit dem Becken und dem Gong erzeugen kann. Musiktherapeutin Dodo Trieblnig begleitet ihn mit der Gitarre und ihrem Gesang. (Bild: Larissa Flammer)

MÜNCHWILEN. A. K., ein 19jähriger Mann, der in der Stiftung Sonnenhalde wohnt, fährt mit seinem Rollstuhl ins Zimmer der Musiktherapeutin. Die zusätzliche Person, die heute ausnahmsweise dabei ist, ignoriert er völlig. Es ist ihm auch egal, dass Musiktherapie heute gar nicht auf seinem Stundenplan steht. Schon bald verlangt er nach dem Gong und auch das Becken möchte er haben.

Nach einigen eher zögerlichen Schlägen steigt Musiktherapeutin Dodo Trieblnig mit ein. Sie setzt sich mit ihrer Gitarre daneben und spielt mit einigen Tönen eine eingängige Melodie. Dazu singt sie spontane Sätze, welche die momentane Situation und Stimmung wiedergeben. A. K. geht darauf ein und schlägt das Becken mit erstaunlicher Kraft und erzeugt einen lauten Ton. Er lacht und strahlt richtiggehend, wenn es ihm gelingt, dem Becken einen lauten und scheppernden Klang zu entlocken. Während rund 20 Minuten beschäftigt sich der Bewohner mit dem Becken sowie dem Gong und steht dabei in ständigem Austausch mit Therapeutin Dodo Trieblnig.

Eine Brücke zur Aussenwelt

Sich in der Musik verlieren, die Augen schliessen, das Becken zum Klingen bringen und einfach dem Klang lauschen und die Schwingungen spüren. In der Stiftung Sonnenhalde in Münchwilen soll durch die Musiktherapie auch Menschen mit einer schweren Mehrfachbehinderung die Selbstwahrnehmung und Kommunikation mit der Umwelt ermöglicht werden. Der eigene Körper wird wahrgenommen und die Bewohnerin oder der Bewohner tritt in Beziehung mit der Umwelt.

Dodo Trieblnig hat in ihrer Therapie kein Programm zu erfüllen. Die Bewohnerinnen und Bewohner in der Sonnenhalde werden bereits im Alltag intensiv gefördert und in der Musiktherapie muss nicht eine bestimmte Fähigkeit geschult oder erarbeitet werden. Das Ziel ist hier Selbstwahrnehmung und Ausdruck, sowie Unterstützung des Wohlbefindens. Viele Angehörige oder Besucher hätten häufig das Gefühl, die Musik müsse harmonischer klingen und es dürfe nicht einfach so auf die Saiten oder die Trommel geschlagen werden. Doch laut Dodo Trieblnig ist es für die Bewohnerinnen und Bewohner wichtig, sich gemäss ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen auszudrücken und zu musizieren. «Es gibt auch keine richtige oder falsche Musik. Sogar die einfachsten Geräusche sind Musik.»

In der Klangwiege ruhig werden

C. A., ein 29jähriger Mann, kommt täglich ins Externat der Sonnenhalde. Er sitzt nicht im Rollstuhl und kann sich prima mit anderen unterhalten. «Seine charmante und lebendige Art kann eine Herausforderung für die Betreuenden sein», erzählt Dodo Trieblnig. Ein Moment, in dem er immer ruhig wird, ist, wenn er während der Musiktherapie in der Klangwiege liegt. Die Klangwiege ist eine halbrunde Holzwiege, die auf dem Boden liegt und an der Saiten befestigt sind. Diese Saiten werden von der Therapeutin gestrichen und die Klänge und Vibrationen erreichen den darin liegenden Menschen. Tatsächlich gelingt es C. A. nach einiger Zeit, die Hände ruhig liegen zu lassen. Die Atmung verlangsamt sich und er wirkt entspannt.

Die Ruhe hält dieses Mal allerdings nicht lange an. Ein Lied geht dem Mann nicht mehr aus dem Kopf. Er möchte, dass die Musiktherapeutin das Lied für ihn singt und trägt auch gleich selbst den Refrain vor. Sie setzten sich ans Klavier, erinnert sich an das Weihnachtslied, das «Santos, Santos» heisst, und spielt die Melodie auf dem Klavier. Nach dem spanischen Lied wünscht sich Christian ein italienisches. Er verblüfft mit Namen von italienischen Sängern, und auch nachdem die Therapie zu Ende ist, hört man ihn im Nebenzimmer noch italienische Worte sprechen und singen.

Auf Reaktion achten

«Da sich die meisten Bewohnerinnen und Bewohnern nicht verbal mitteilen können, muss ich als Musiktherapeutin gut auf deren Mimik, Körperspannung und Atmung achten. Was den einen gefällt, können andere nicht aushalten.» Aus diesem Grund ist Dodo Trieblnig auch gewissen Studien abgeneigt, die schwarz-weiss malen. «Es stimmt nicht wenn man einfach sagt, Mozart ist entspannend und House-Musik macht nervös.» Viele Menschen können mit House-Musik Spannung und Frust abbauen, damit sie sich danach wieder wohler fühlen. Andererseits kann ruhige Musik Angst machen, da sie Traurigkeit und andere Gefühle wecken kann. Die Frauen und Männer können deshalb in der Musiktherapie wählen, welches Instrument gerade ihrer Stimmung entspricht.

Es wollen auch nicht alle Bewohnerinnen und Bewohner, welche die Musiktherapie besuche, selber ein Instrument spielen. Neben der sogenannten aktiven gibt es die rezeptive Musiktherapie. Hierbei spielt Dodo Trieblnig für die Bewohnerin beziehungsweise den Bewohner oder die beiden hören gemeinsam Musik ab CD. «In der Musiktherapie sind wir nicht auf die Handlung fixiert. Die Bewohner <müssen> nicht spielen, sie sollen Raum bekommen, sich zu erfahren und Veränderung zu erleben. Dies kann Entspannung oder Dampfablassen sein», sagt Trieblnig.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.