Die Münder machen ein kleines O

Die Sonne scheint, das Gras wiegt sich im Wind, und es kitzelt ein wenig in der Nase. Jetzt ist es doch schön geworden. Zum Glück, denn sonst hätte der Thurgauer Familien-Jodlersonntag nicht stattfinden können. Man geht oder fährt den Hügel hoch, vorbei am Zelgli, weiter ins Roset.

Daniela Huber
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Toni Achermann dirigiert die Jodler bei ihrem Auftritt am Thurgauer Familien-Jodlersonntag oberhalb von Sirnach. (Bild: Nana Do Carmo)

Toni Achermann dirigiert die Jodler bei ihrem Auftritt am Thurgauer Familien-Jodlersonntag oberhalb von Sirnach. (Bild: Nana Do Carmo)

Die Sonne scheint, das Gras wiegt sich im Wind, und es kitzelt ein wenig in der Nase. Jetzt ist es doch schön geworden. Zum Glück, denn sonst hätte der Thurgauer Familien-Jodlersonntag nicht stattfinden können. Man geht oder fährt den Hügel hoch, vorbei am Zelgli, weiter ins Roset. Ein efeubewachsenes Haus, ein nackter Stewi und haufenweise parkierte Autos. Da ist etwas los.

Gelbe Sonnenschirme bedecken den Hofplatz, auf Holzbänken und an Holztischen wird Saft vom Fass getrunken. Die Bühne ist eingerahmt von Holzpfählen. Wie ein Boxring, nur freundlicher. Ruth und Röbi ernten gerade Beifall. Unter den gelben Schirmen trinkt man Most vom Fass und lässt den Weisswein in der warmen Sommerluft stehen. Rote Sennenchutteli und Edelweisshemden sorgen für Farbe. Kinderwagen. Appenzeller Sennenhund. Rollstuhl. Eine Landwirtschaftsmaschine lehnt an der Mauer.

Ein Hut ist liegen geblieben

Vor der Scheune gibt's Mahlzeiten-Bons: rosa für Cervelats, blau für Bratwürste, und gelb für «Essen». Jetzt wird «Frühlingszeit» gesungen. Die Münder auf der Bühne machen alle ein kleines O. Unendlich hohe und runde Töne purzeln auf einmal hervor und machen Lust auf Tage und Abende in den Bergen. «Mini Läbesfreud». Noch mehr Töne kullern in ungeahnte Höhen und Tiefen. Mit «Ganz en schöne Traum» geht's weiter. «Da isch no en Huet vergesse gange». Das ist kein Lied, sondern eine richtige Durchsage. Irgendwo ist noch ein Hut liegengeblieben.

Kuchen und Kaffee gibt's auch. Zuckerwürfel liegen schon in den Glastassen, bereit für einen Kafi Lutz. Die Linzertorte wird gerade aus der Alufolie gewickelt. Da und dort geht eine Tracht vorbei, und gelegentlich taucht eine verspiegelte Sonnenbrille oder eine Tätowierung auf. Schürzen und Spitzentücher kollidieren mit Minikleidern. Zöpfe mit Kurzhaarfrisuren und Mèches. «Alle sollen kommen, wie sie wollen», sagt Ernst Sturzenegger, der Präsident des Jodelclubs Sirnach. Auf diesem Platz hier im Roset sieht man bis ins Tal hinunter, weit ins Thurgau hinein. Da wird normalerweise immer der erste August gefeiert. Und genau hier hatte er plötzlich eine Vision gehabt. Es sei schon etwas spät gewesen am Abend, aber da sei ihm der Einfall gekommen, hier einen Jodlersonntag für die Thurgauer Jodler und ihre Familien ins Leben zu rufen. Jetzt, zwei Jahre später, sitzen hier so viele Menschen, dass kein Platz mehr frei ist auf den Bänken. Auch Alphorn wird gespielt. Der Wald weht leise im Wind. Ist das nicht die Melodie von dem Heidifilm aus den neunziger Jahren? Wahrscheinlich nicht, aber gepasst hätte es. «En Guete.» Man beisst in Brot und Cervelat.

«Mir wüsse nüt vo Herrestolz», wird gesungen, «jede isch vo gliichem Holz.» Das stimmt irgendwie. Hier gibt's keine Abendkleider und keine Serviceuniformen, man trägt, was man tragen möchte und singt und sitzt und isst, wann und wie man will. Ein paar Plastikteller stehen herum, ein Notenblatt liegt auf dem Boden, und Most, Bier oder Wein wird aus den Bechern mit Fettflecken getrunken. Um zwei Uhr jodelt das Kinderjodelchörli vom Tannzapfenland. Die Kleinen sollen das Jodeln jetzt kennen und mögen lernen, denn später werden ganz andere Sachen wichtig. Dann muss man plötzlich ins Muscle Pump oder ins Yoga, und wer jodelt dann für unsere Enkelkinder in hundert Jahren? Deshalb werden sie jetzt eingesammelt, mit und ohne Schuhe an den Füssen, ab in den Ring. Oder auf die Bühne. Als die Kleinen dann «De Gämselijäger» singen, sind nicht ganz alle Münder ein kleines O. Hie und da schleicht sich auch ein Gähnen oder ein Grinsen ein. Dafür schiesst ein braungebrannter kleiner «Seppli» mit einem Spielzeuggewehr auf unsichtbare Gemsen.

Das Publikum wiegt mit

Die Meitli halten die Hände unter ihren Schürzchen verschränkt und singen verträumt in den Himmel hinauf. Schlussendlich müsse der Seppli ja doch «es luschtigs, gäbigs Fraueli haa» und nicht immer Gämseli schiessen. Das Publikum ist begeistert. Zugabe! Zugabe! Zugabe! «Alls was bruchsch uf de Wält, das isch Liebi» singen die Kleinen und schunkeln im Takt vor sich hin. «Alls was bruchsch uf de Wält, häsch du sälber.» Das Publikum wiegt mit. «Alls was bruchsch uf de Wält, das isch Liebi.»

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