Die Mode der Pfahlbauer

Die weltweit ältesten Wolltextilien und ein einzigartiger Angelhaken können ab Samstag im Archäologischen Museum in Frauenfeld besichtigt werden. Die Ausstellung zeigt archäologische Textilien der Pfahlbauer rund um den Raum Bodensee und Zürichsee.

Jeanette Herzog
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Die Nachbildung auf dem Kopf, das Original im Schaukasten: Ein 5900 Jahre alter Hut aus Bast. (Bild: Jeanette Herzog)

Die Nachbildung auf dem Kopf, das Original im Schaukasten: Ein 5900 Jahre alter Hut aus Bast. (Bild: Jeanette Herzog)

Frauenfeld. Ein kleines Stück verkohlter Stoff verrät dem Archäologen Urs Leuzinger, dass den Pfahlbauern die Mode keineswegs egal war. «Die Stoffe waren grün, rot oder gelb eingefärbt und liebevoll ausgearbeitet», sagt er. Vom Modeverständnis und der Lebensweise der Menschen, die zwischen 4200 und 800 v. Chr. im Alpenraum lebten, zeugen Überreste ihrer Textilien.

Im Archäologischen Museum in Frauenfeld eröffnet diesen Samstag eine Sonderausstellung zum Thema «gesponnen, geflochten und gewoben». Die Fundstellen der Exponate sind mehrheitlich im Raum Bodensee und Zürichsee.

Die gleiche Technik wie heute

Ein 5900 Jahre alter verkohlter Hut aus Bast und eine 5000 Jahre alte Sandale sind Teil der Ausstellung.

«So könnte damals die Strandbekleidung ausgesehen haben», scherzt Leuzinger ob des Fundortes im Strandbad Allensbach. Zur besseren Illustration reicht der Archäologe eine Nachbildung des Basthutes, die durch und durch authentisch ist. Nicht nur die Materialien sind dem Original nachempfunden, sondern auch der Geruch. «Es ist eine Mischung aus Rauch, Schweiss und Bastmief», erklärt Leuzinger den unangenehmen Duft, der vom Hut ausgeht. Authentisch nachgebaut ist auch ein Webstuhl aus Ästen, obwohl hier kein Vorbild zur Verfügung stand.

Gewebe und Webgewichte dienten als Indiz dafür, wie der Webstuhl ausgesehen haben muss. Aus diesem Grund sei auch das ausgestellte Stück Stoff mit drei erhaltenen Webkanten besonders wertvoll, da es viel über die Machart verrate, schwärmt der Archäologe. Besonders beeindruckend sei auch die Flechttechnik für Körbe und Netze. 5700 Jahre alte Teile eines Fischernetzes wurden in Meilen am Zürichsee gefunden. «Die Flechttechnik blieb dieselbe bis zur Erfindung des Nylons», erklärt Urs Leuzinger.

Auch Korbteile – gefunden in Arbon – würden dieselbe Technik aufweisen wie die Körbe, die man heute in jedem Drittweltland-Laden kaufen könne.

Lieblingsstück des Archäologen

In der hinteren Ecke des archäologischen Museums in einem Schaukasten liegen drei kleine Stofffetzen. Es sind aber nicht irgendwelche Fetzen, sondern es sind weltweit die ältesten Wolltextilien. Ausgegraben wurden sie im Salzbergwerk von Hallstatt; sie stammen aus der Eisenzeit, rund 900 v.

Chr. «Früher hat man von den Schafen nur das Fleisch und die Milch genutzt, es brauchte seine Zeit, bis die Wolle entdeckt wurde», erklärt Leuzinger das vergleichsweise junge Alter der Funde. Sie sind eine Leihgabe des Naturhistorischen Museums in Wien.

Das Lieblingsstück des Archäologen ist ein 5380 Jahre alter Angelhaken, geformt aus dem Zahn eines Wildschweins und umwickelt mit Bastfaden.

«Das Stück gefällt mir besonders gut, weil ich mir vorstellen kann, wie die Angel dem Fischer aus der Hosentasche gefallen ist und er sich aufgeregt haben muss, als er sie nicht wiederfand», erzählt Urs Leuzinger. Wiedergefunden wurde das international einzigartige Stück vor ein paar Jahren in Arbon.

Damit Textilien über die Jahrtausende erhalten bleiben, bedarf es konservierender Bedingungen, wie sie im Wasser, im Eis, im Salz und in der Wüste herrschen. Nicht umsonst gehören Textilien zu den fragilsten Funden in der Archäologie.