Die Mittel-Thurgau-Bahn lebt

Mit einer Jubiläumsfahrt hat der Verein Historische Mittel-Thurgau-Bahn am Samstag seinen restaurierten Pendelzug aus den 60er-Jahren eingeweiht. Anlass für die Extrafahrt mit geladenen Gästen war, dass die Linie Wil–Konstanz vor 50 Jahren elektrifiziert worden ist.

Christof Widmer
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Eine Schulklasse singt und tanzt, als der Pendelzug in Tobel-Affeltrangen hält. (Bild: Bilde: Andrea Stalder)

Eine Schulklasse singt und tanzt, als der Pendelzug in Tobel-Affeltrangen hält. (Bild: Bilde: Andrea Stalder)

In diesem Zug können die Passagiere aus dem Fenster lehnen. Seine Fenster haben noch die beiden runden im Glas verankerten Griffe, mit denen man die Scheibe nach unten ziehen kann. Der Fahrtwind streicht durchs Gesicht, wenn der Blick über die tannengrüne Komposition wandert, die sich gerade in die Kurve begibt. Draussen warten allenthalben Leute am Bahngeleise, winken, fotografieren den vorbeifahrenden Zug.

Dieser Zug weckt Heimweh nach früher, als viele Thurgauerinnen und Thurgauer mit genau einer solchen Komposition zur Arbeit, in die Kanti oder in die Berufsschule gefahren sind. Er ruckelt leicht. Tönt nach Zug und nicht nach Tram. Der Thurgauer Pendelzug im unverwüstlichen Design der 60er-Jahre verkehrt jetzt wieder auf den Gleisen. Das Thurgauer Wappen prangt stolz vorne auf dem Triebwagen, an der Seite jenes von Weinfelden. «Mittel-Thurgau-Bahn» steht wie selbstverständlich in der Mitte der Komposition. Dabei hat dieses Bahnunternehmen vor 13 Jahren in einem Thurgauer Drama geendet – aufgelöst wegen Überschuldung nach einer forcierten Vorwärtsstrategie mit Investitionen, von denen die Thurgauer Schieneninfrastruktur noch heute profitiert.

«Ein Kulturgut»

«Dieser Zug ist ein Kulturgut», sagt Jürg Fetzel. Er ist der Präsident des Vereins Historische Mittel-Thurgau-Bahn, dem die Komposition gehört. Der Verein feierte am Samstag mit einer Jubiläumsfahrt von Romanshorn nach Wil und zurück ein doppeltes Mittel-Thurgau-Bahn-Jubiläum: Vor fünfzig Jahren wurde die Strecke zwischen Konstanz und Wil elektrifiziert. Und ab der gleichen Zeit verkehrten auch die Triebwagen, wie der frisch restaurierte Pendelzug einer ist. Er ist ein neues Schmuckstück des Vereins. «Wir sind stolz darauf, dass die Mittel-Thurgau-Bahn wieder auferstanden ist», sagt Vizepräsident Ruedi Signer vor den Ehrengästen.

Das Thurgauerlied erklingt am Halt im Bahnhof Berg, intoniert von der Musikgesellschaft Berg. Am Bahnhof Tobel-Affeltrangen singt die Schulklasse von Lehrer Rolf Kaiser. Auch vor fünfzig Jahren sang eine Schulklasse, als die Bahnlinie in einem Volksfest unter Strom gesetzt wurde.

Der Linie geht es so gut wie nie

Vorher, beim Halt in Weinfelden, gab es Festansprachen. Regierungsrat Kaspar Schläpfer zeigte sich persönlich berührt vom Jubiläum. Sein Vater Albert Schläpfer war Verwaltungsratspräsident der Mittel-Thurgau-Bahn, als der Entscheid zur Elektrifizierung fiel. Die Mittel-Thurgau-Bahn sei eine der letzten Bahnen gewesen, die elektrifiziert worden seien. Heute gehe es der Bahnlinie so gut wie noch nie: Zwei Millionen Passagiere pro Jahr zwischen Wil und Konstanz, nochmals zwei Millionen in den Schnellzügen Weinfelden–Konstanz. Auch der Weinfelder Gemeindepräsident Max Vögeli hob die Bedeutung der Linie hervor. «Sie ist eine der Lebensadern für die Thurgauer Gesellschaft und Wirtschaft.»

Die Grundlage dafür hat die Elektrifizierung geliefert. Bis 1965 haben Dieseltriebwagen die Personenzüge transportiert. Dampflokomotiven zogen den Güterverkehr. Von der Zeitenwende zeugt nun der Pendelzug. Er verkehrt nicht nur auf Thurgauer Schienen. Seine Extrafahrten führen ihn als Thurgauer Botschafter in die ganze Schweiz.

Der frisch restaurierte Pendelzug weckt nostalgische Gefühle. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Der frisch restaurierte Pendelzug weckt nostalgische Gefühle. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Ruedi Signer (Vizepräsident des Vereins) und Jürg Fetzel (Präsident). (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Ruedi Signer (Vizepräsident des Vereins) und Jürg Fetzel (Präsident). (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))