Die Mitarbeiter wissen es am besten

BISCHOFSZELL. Als Personalchef der Bischofszell Nahrungsmittel AG führte Aurelio Wettstein das Ideenmanagement ein. Der Migros-Betrieb spart dadurch jährlich rund eine halbe Million Franken und hat eine verbesserte Gesprächskultur. Auch die Kantonsverwaltung könnte vom System profitieren.

Thomas Wunderlin
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In seiner Zeit als Personalchef der Bina führte Aurelio Wettstein das Ideenmanagement ein; seit seiner Pensionierung widmet er sich der Malerei. (Bild: Donato Caspari)

In seiner Zeit als Personalchef der Bina führte Aurelio Wettstein das Ideenmanagement ein; seit seiner Pensionierung widmet er sich der Malerei. (Bild: Donato Caspari)

Aurelio Wettstein scheut davor zurück, den lukrativsten Vorschlag zu verraten. Als der ehemalige Personalchef der Bischofszeller Nahrungsmittel AG (Bina) 1999 ein Ideenmanagement einführte, ging es ihm auch um Ideen ohne messbare Ersparnis. So regte einmal ein Hilfsarbeiter an, in der Garderobe mit Hilfe eines Zeitschalters Strom zu sparen. Die Installation kostete vielleicht mehr als die Ersparnis. «Doch dieser Mitarbeiter identifiziert sich mit der Firma», erklärt Wettstein. Er werde deshalb auch die Hygienevorschriften einhalten – höchste Priorität bei der Lebensmittelfirma. Schliesslich erwähnt Wettstein doch die 100 000 Franken Jahresmiete für ein Aussenlager. Eingespart wurde sie dank eines Vorschlags für eine andere Aufteilung der Lager. Der Mitarbeiter, von dem er stammte, erhielt als Belohnung zehn Prozent einer jährlichen Ersparnis, also rund 10 000 Franken.

Kanton soll Bina nachahmen

Der Dozwiler SVP-Kantonsrat und Bina-Mitarbeiter Jürg Wiesli schlägt mit einer Interpellation vor, dass die Kantonsverwaltung ein Ideenmanagement nach Bina-Vorbild einführt – als Ergänzung der Leistungsüberprüfung.

Das Bina-Ideenmanagement entstand bei einer Retraite mit kritischen Leuten aus verschiedenen Hierarchiestufen. Laut Wettstein war es erfolgsentscheidend, dass die Mitarbeiter die Spielregeln selber mitgestalteten. Vorher habe er viele Fehler gemacht. Irgendwann kam ihm die zündende Idee: «Die einzigen, die dir die Wahrheit sagen, sind die Mitarbeiter.» Von ihnen kam etwa die Forderung, dass ein unabhängiger Ombudsmann das Vorschlagswesen überwacht. Wichtig ist laut Wettstein auch, dass die Firmenleitung das System unterstützt: «Sonst ist es schnell tot.»

Seit 2002 bringt das Ideenmanagement mehr ein, als es kostet. Zu den Erfolgen rechnet Wettstein auch eine verbesserte Gesprächskultur. Die Hälfte der rund 900 Mitarbeiter macht aktiv mit. Der Berner Professor Norbert Thom verlieht der Bina dafür 2011 einen Preis für den besten Beitrag zur Professionalisierung des Personalwesens.

Wettstein, Jahrgang 1949, ging 2012 in die Frühpension, um mehr Zeit zum Malen zu haben. Die Bina verwertet die Mitarbeiterideen weiter. Beim Ombudsmann Jörg Baldinger gehen jährlich rund 1000 Sparvorschläge ein. Der ehemalige Abteilungsleiter amtiert in einer 50-Prozent-Stelle als Ideenmanager. Er sorgt dafür, dass die Vorschläge bearbeitet werden. Dafür nutzt er ein firmeninternes Computerprogramm. Jeder Mitarbeiter kann darin nachschauen, wer welchen Vorschlag eingereicht hat und wie der Stand seiner Bearbeitung ist.

Die jährlichen Einsparungen beziffert Baldinger auf 300 000 bis 500 000 Franken. Die Kosten lassen sich nicht genau beziffern, da die Vorschläge immer wieder woanders bearbeitet werden. Baldinger weist sie der Stelle zu, die ihm am geeignetsten für die Umsetzung scheint.

Weniger als fünf Prozent der Vorschläge bringen eine berechenbare Einsparung. Nicht beziffern lassen sich laut Baldinger etwa die Kosten der Gabelstaplerunfälle, die dank eines neuen Spiegels an einer Kreuzungsstelle verhindert wurden. Damit das System im Schwung bleibt, werden alle umgesetzten Vorschläge mit Migros-Gutscheinen zwischen 20 und 100 Franken honoriert. Dazu werden monatlich vier Geldbeträge bis 500 Franken unter allen Einreichern von Vorschlägen verlost, ausserdem halbjährlich drei Geldbeträge unter 4000 Franken.

Wiesli gewann 4000 Franken

So erhielt auch Kantonsrat Wiesli 2004 einen Lohnzustupf von 4000 Franken. Vor Weihnachten werden zudem die Geschenke der Geschäftspartner unter den Einreichern von Vorschlägen verlost.

Baldinger kann sich vorstellen, dass das System beim Kanton Einsparungen von Portokosten bis zu einzelnen Stellen brächte. Auch Verwaltungsteile, die viel miteinander zu tun haben, könnte man näher zusammenführen.