Die Meinung im Grossen Rat steht auf der Kippe

Der Grosse Rat wird ein weiteres Mal über Französischunterricht an der Thurgauer Primarschule befinden müssen. Die damaligen Motionäre hoffen, dass nun die Kantonsräte nicht vor Bundesrat Alain Berset einknicken. Doch die Meinung könnte auch wegen des Sprachenübergewichts auf der Sekundarstufe kippen.

Silvan Meile
Drucken
Teilen
Hanspeter Gantenbein SVP, Wuppenau (Bild: Nana do Carmo)

Hanspeter Gantenbein SVP, Wuppenau (Bild: Nana do Carmo)

FRAUENFELD. Im ersten Moment habe er den Kopf geschüttelt, sagt Kantonsrat Hanspeter Gantenbein (SVP, Wuppenau), auf die neuste Entwicklung angesprochen. Er gehört zu den sechs Motionären, die 2013 den Vorstoss einreichten, um den Französischunterricht aus dem Lehrplan der Primarstufe zu streichen. Im Sommer 2014 fand das Anliegen im Grossen Rat eine Mehrheit. «Mit einer solchen Gesetzesvorlage haben wir schon lange gerechnet», sagt Gantenbein jetzt zum Vorgehen der Kantonsregierung. «Ich hoffe, dass der Grosse Rat noch immer zu seinem damaligen Entscheid steht und nicht vor Bundesrat Berset einknickt.» Dieser droht mit einem Machtwort im nationalen Sprachenstreit. Umso beeindruckter zeigt sich Gantenbein gegenüber der Haltung von Appenzell Innerrhoden, wo Frühfranzösisch trotz aller nationalen Diskussionen kein Thema sei. «Die ziehen das durch.» Eine solche Konsequenz erhofft sich Gantenbein auch vom Thurgau.

Ein Übergewicht an Sprachen

Joe Brägger aus Amriswil, Seklehrer und Fraktionssprecher der Grünen, sagt, dass der Regierungsrat zu diesem späten Zeitpunkt den Ball in Sachen Frühfranzösisch doch noch an den Grossen Rat zurückspiele, liege kaum am Druck von Bundesrat Berset. Zur juristischen Begründung der Regierung, den damaligen Entscheid des Grossen Rats nun rechtlich abzusichern, kämen aber wohl auch praktische Aspekte dazu. Denn die Streichung des Französischunterrichts auf der Primarstufe führe zu Problemen auf der Sekundarstufe. Dort muss deutlich mehr Französisch unterrichtet werden, was etwa die Möglichkeit von Freifächern und Halbklassen einschränke, sagt Brägger. «Es ist ein Übergewicht an Sprachen entstanden, was zu viel Kritik führte.» Vielleicht seien damals im Grossen Rat nicht alle Konsequenzen bedacht worden. Das könnte gemäss Brägger dazu führen, dass die Meinung zum Frühfranzösisch kippt.

Wacklige Motion legitimieren

«Das ist jetzt Risikominimierung», interpretiert FDP-Fraktionssprecher Carlo Parolari das Vorgehen der Regierung. Nicht diese habe aber das Problem verschuldet.

Denn die damalige Motion habe rechtlich auf wackligen Beinen gestanden. «Es ist zu begrüssen, wenn dies im Nachhinein noch legitimiert wird.» Dabei bestünde aber durchaus die Möglichkeit, dass die Abschaffung des Französischunterrichts an Primarschulen keine Mehrheit mehr finde. «Wir Freisinnigen machten uns schon damals für die Beibehaltung stark», sagt Parolari.

GLP sieht sich bestätigt

Die Grünliberalen verbuchen das gestrige Umschwenken der Regierung als eigenen Erfolg. Denn einen Tag zuvor reichte ihr Parteimitglied Hanspeter Heeb eine Parlamentarische Initiative ein, die genau eine solche Gesetzesvorlage fordert. «Heeb führte schon vor den Sommerferien ein Gespräch mit Regierungsrätin Knill», sagt GLP/BDP-Fraktionschef Ueli Fisch aus Ottoberg. «Es ist erfreulich, dass unsere Inputs ernst genommen werden.»

Dennoch bleibe ein schaler Beigeschmack, dass dem Grossen Rat diese Vorlage erst jetzt unterbreitet werde, nachdem der Eindruck entstanden sei, dass diese Gesetzesänderung durch die Hintertür eingeführt werden sollte, sagt Fisch.

Joe Brägger Grüne, Amriswil (Bild: Reto Martin)

Joe Brägger Grüne, Amriswil (Bild: Reto Martin)

Carlo Parolari FDP, Frauenfeld (Bild: Reto Martin)

Carlo Parolari FDP, Frauenfeld (Bild: Reto Martin)

Ueli Fisch Grünliberale, Ottoberg (Bild: Reto Martin)

Ueli Fisch Grünliberale, Ottoberg (Bild: Reto Martin)