Die Löchersammler

Turmspatz

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«Liebe Freunde», Frau Fink-Grün klatscht mit den Flügeln, «ich begrüsse euch zu einem literarischen Flug entlang dem Untersee.» Unzufriedenes Gemurmel, die Exkursionen des Vogelclubs Steckborn sind normalerweise geselliger Natur. «Hier an der Seestrasse schrieb Maria Dutli Rutishauser ihr Buch ‹Der Hüter des Vaterlandes› und ...» Ein Schluckspecht packt heimlich den Flachmann aus. Unser nächster Halt ist Glarisegg. «Der Krimiautor Friedrich Glauser besuchte für kurze Zeit das reformpädagogische Landerziehungsheim. Bereits 1913 musste er es nach Drogenkonsum und Selbstmordversuchen verlassen», referiert Frau Fink-Grün wacker, sie kann aber nicht verhindern, dass die Stimmung kippt, von sachlich zu feucht-fröhlich.

«Auch einen Schluck?» Freund Amsel öffnet einen Beaujolais, den wir später oben auf Schloss Liebenfels leeren. Dass hier ein gewisser Adolf Ludwig Follen im Exil gelebt haben soll, dringt wie durch einen Nebel zu uns. Nach einem Nickerchen fliegen wir nach Eschenz. Frau Fink-Grün hat uns in der Zwischenzeit entnervt verlassen. Etwas ratlos hocken wir oberhalb des Dorfes. «Kennt ihr Evelin Hasler?», fragt Freund Amsel. «Die hat doch dieses Göldi-Hexenbuch geschrieben», sagt eine Meise. «Genau», lallt ein Specht, «und dazu das Kinderbuch ‹Der Löchersammler›». – «Das ist das Lieblingsbuch der Eschenzer», sagt Amsel.

Er zeigt hinüber zur Kiesgrube. «Dieses irre grosse Loch in der Landschaft ist kaum zu übersehen.» – «Dazu kommt das Vettel-Loch», fahre ich weiter, «das Loch, das für das Motorboot des Autorennfahrers ausgebaggert wurde.» – «Und es wird behauptet», erklärt Rotkehle, «dass er damit einen Anschluss an die Dampferlinie bekommen will.» – «Literatur», sage ich zu meinen Freunden, «ist immer wieder spannend, wenn sie einen Bezug zur Region hat.»