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Die Kunst ist sein neues Elixier

Peter Schmid war der erste und bisher einzige Nationalrat der Grünen aus dem Thurgau. Vor 20 Jahren wurde er nicht wiedergewählt, dann fiel er in ein Loch – und rappelte sich wieder auf. Heute nimmt die Kunst einen grossen Platz im Leben des 75-Jährigen ein.
Jürg Ackermann
Blumen und eine Skulptur: Peter Schmid in seinem Garten in Frauenfeld. (Bild: Reto Martin)

Blumen und eine Skulptur: Peter Schmid in seinem Garten in Frauenfeld. (Bild: Reto Martin)

FRAUENFELD. Gehadert hat er schon, damals an jenem Sonntag im Oktober 1995. Wenn nur 50 Thurgauer Wähler mehr die Grüne Liste eingeworfen hätten, wäre Peter Schmid für vier weitere Jahre nach Bern gefahren. Und die wohl schwierigste Zeit seines Leben wäre ihm erspart geblieben.

Es waren weniger die politischen Debatten, die Nähe zum Machtzentrum oder die vielen interessanten Begegnungen im Bundeshaus, die er schmerzlich vermisst hätte. Schmid plagten kurzfristig Existenzängste. Wegen des Nationalratsmandats hatte der dreifache Familienvater sein Pensum als Dozent für Heilpädagogik auf 50 Prozent zurückgestuft, eine Erhöhung war nach der Abwahl nicht möglich. «Ich ärgere mich heute noch, wenn ich lese, wie gut angeblich die Parlamentarier in der Schweiz gestellt sind. Bei einer Abwahl stehen viele vor einer schwierigen Situation», sagt Schmid und nippt an einem Espresso auf der Terrasse seiner Wohnung in Frauenfeld. Dort drinnen stehen zwei Bücherwände, aber vor allem Bilder. An fast jeder Wand. In jedem Raum.

Einmal im Jahr nach Frankreich

Der Thurgauer hat mit der Kunst ein neues Elixier gefunden. Seine Wohnung ist voll von Gemälden und Grafiken. Vor allem der Winterthurer Landschaftsmaler Geo Bretscher hat es ihm angetan. «Dieses Landschaftsbild würde ich nie mehr hergeben», sagt Schmid in seiner Stube. Mittlerweile hat die Sammlung ein Ausmass erreicht, das nicht mehr in die Frauenfelder Wohnung passt. Schmid hat deshalb in der nahegelegenen Brauerei einen Raum gemietet. Er sammelt selber nicht nur Kunst, er vermittelt sie, nimmt Aufträge entgegen, geht auf Auktionen. Und ein- bis zweimal im Jahr reist er mit Frau und Freunden nach Frankreich – der Natur, der Kultur und der Küche wegen.

Das Neue – wie jetzt die Kunst – stand in seinem Leben nicht immer im Vordergrund: Schmids Frau machte den Haushalt, war zu Hause bei den Kindern, sie pflegte den Garten und betätigte sich als Schulratspräsidentin in Hüttwilen. Das Familienmodell, das Schmid lebte, entsprach nicht unbedingt dem progressiv-feministischen Weltbild, das den gewichtigen linken Flügel der Grünen in den 1980er-Jahren prägte. Für Schmid, der die nationale Partei zwischen 1987 und 1990 präsidierte, war immer klar: Um zu Lösungen zu kommen, muss man fraktionsübergreifend zusammenarbeiten, sachbezogen bleiben und nicht auf seine Ideologie fixiert sein. Schnell habe er in Bern auch gemerkt, wie viel in der Politik über den Bauch laufe. «Es kommt darauf an, wer was vertritt. Gegenüber gewinnenden Leuten ist das Wohlwollen einfach grösser. Sie haben bessere Chancen, etwas durchzubringen», sagt Schmid.

Sein Rückblick ist auch von etwas Wehmut geprägt. «Wir waren damals eine sehr offene Partei.» Auch für einen «bürgerlichen Grünen», wie der damalige SP-Präsident Helmut Hubacher Schmid bezeichnete, habe es Platz gehabt. Es sei schade, dass viele gemässigte Vertreter gewisse Spannungen nicht ausgehalten hätten und daraufhin die grünliberale Partei gründeten. Für Schmid kam es nie in Frage, die Seiten zu wechseln. «Ich glaube nicht wie die Grünliberalen daran, dass sich die Umweltzerstörung und der Klimawandel allein mit dem technischen Fortschritt und ohne Gesinnungswandel lösen lassen», sagt Schmid. Ein gewisser Verzicht gehöre zum Leben, weil er Freiräume schaffe. Geflogen ist der Thurgauer zwar auch – aber nur einmal in seinem Leben nach Übersee, nach New York, in diese «faszinierende Metropole», die vor Vielfalt sprüht.

Um Vielfalt ging es auch den grossen Parteien Anfang der 1990er-Jahre im Bundeshaus. 1994 beschlossen sie, das Nationalratspräsidium erstmals einer kleinen Partei zu überlassen. Die Grünen waren in der Pole-Position. Schmid hatte verschiedene aufmunternde Signale aus CVP, FDP und SP erhalten, zu kandidieren. Er hätte die Wahl auch geschafft, wenn er von der Grünen Fraktion portiert worden wäre. Diese nominierte aber den heutigen Datenschützer Hanspeter Thür, der wegen seiner Vergangenheit in der stark links ausgerichteten Poch bei den Bürgerlichen nicht wählbar war. Gegen den Willen der Fraktion wollte Schmid nicht kandidieren. Das Amt des höchsten Schweizers ging an die Liberalen. «Mit der Aussicht auf das Nationalratspräsidium wären die fehlenden Stimmen 1995 wohl zusammengekommen», sagt Schmid.

Der Groll der Nichtwiederwahl verflog dann doch noch. Neun Monate später hatte er die Durststrecke überwunden und mit der Wahl zum Vizestatthalter im Bezirk Steckborn eine neue Beschäftigung gefunden. Wieder hatte er es mit Sonderfällen zu tun. Diesmal im Strafrecht und nicht in der Pädagogik.

Inzwischen ist Schmid dreifacher Grossvater geworden, er hat seine Brotjobs an den Nagel gehängt. Nur noch einmal jährlich hält er Vorträge über Heilpädagogik in Sachsen-Anhalt. Dazu fährt er jeweils für eine Woche nach Quedlinburg, Halle und Magdeburg. Seit dem Herzinfarkt 2013 trifft man ihn auch im Fitnesstraining, im Rückenturnen oder beim Wandern mit einer Seniorengruppe.

Hölderlin und das Lebendigste

Mindestens zweimal im Jahr ist Schmid zudem Gast im Bundeshaus. Beim Fraktionsausflug und beim Essen der Grünen Fraktion. Und auch bei den Thurgauer Grünen wirkt er im Hintergrund noch beratend mit. Doch die Politik, was ist sie schon? Sie regelt die Rahmenbedingungen fürs Zusammenleben in unserer Gesellschaft, es geht um Macht, um Einfluss, zuweilen um Lobbying und Powerplay. Doch auf die wirklich tiefgründigen Fragen des Lebens gibt sie keine Antwort, muss sie auch keine geben. Denen geht Schmid als Autor lieber selber nach. Sein letztes Buch «Zeitgeist und Wahrheit» stellt scheinbar zementierte Wahrheiten in Erziehung und Politik in Frage. Kurz vor Ende des Gesprächs gräbt Schmid ein Hölderlin-Zitat aus, das möglicherweise der Leitfaden für sein nächstes Buch ist: «Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste.»

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