Die Kunst der Rückkehr

Sie haben sich mit Anker, Giacometti oder Taeuber-Arp befasst. Aktuelle Kunstschaffende standen den Schülern der Time-out-Klasse Pate. Das Resultat in Form einer Schau eigenständiger Werke feiert heute Eröffnung.

Mathias Frei
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Eine Gruppe der Time-out-Schüler inmitten ihrer Holzkugeln. (Bild: Andrea Stalder)

Eine Gruppe der Time-out-Schüler inmitten ihrer Holzkugeln. (Bild: Andrea Stalder)

Mathias Frei

mathias.frei@thurgauerzeitung.ch

Ein kreativer Selbstfindungstrip. Natürlich unter Anleitung und mit erfolgreichem Ausgang. «Hommage» heisst die Schau, die das Schuljahr der Time-out-Klasse Frauenfeld beschliesst. 14 Jugendliche haben an der Kunstausstellung mitgewirkt, die heute im Schloss Frauenfeld Vernissage hat. Ausgangspunkt ist eine Reihe von grossen Schweizer Künstlern. Wo sie doch allmählich von den Banknoten verschwinden, wollten die Time-out-Schüler ihnen eine Reminiszenz erweisen. Sophie Taeuber-Arp, Alberto Giacometti oder Le Corbusier heissen sie. Ideell standen ihnen Nils, Alida oder Mohammed gegenüber. «Aber wir wollten nicht einfach kopieren», sagt Franziska Stöckli, Time-out-Klassenlehrerin seit 2009.

Das Resultat ist erstaunlich. Die Schüler haben Remixes auf Basis bekannter Exponate geschaffen – mit hohem kreativem Eigenanteil. Malerei steht neben Holzbildhauerei steht neben Metallobjekten.

Vom 2D-Bild in Holzkugeln übersetzt

Da ist zum Beispiel Taeuber-Arps «Bewegtes Kreisbild». Es ist dreidimensional umgesetzt worden mittels verschieden grosser Holzkugeln mit unterschiedlichen Oberflächen. In der Draufsicht bleibt die Anordnung dieselbe wie bei der konkreten Künstlerin. Das Handwerk und die Techniken haben die Jugendlichen bei aktuellen Kunstschaffenden gelernt. So waren sie zum Beispiel vergangenen Winter beim Aargauer Holzbildhauer Stefan Hort, haben dort zuerst mit schwerem Gerät, später mit feinen Werkzeugen aus groben Holzstücken Kugeln geformt.

Grösser ist die Verfremdung bei den Malstücken, die auf Acrylfarbe basieren. Da sind Bilder des Freilichtmalers Giovanni Segantini, des symbolischen und ­Jugendstilkünstlers Ferdinand Hodler oder des wohlbekannten Genremalers Albert Anker. Lehrerin Franziska Stöckli besuchte mit den Time-out-Schülern das Kunsthaus in Zürich und das Kunstmuseum Thurgau. Die Jugendlichen sollten dabei nicht nur die Werke begreifen, sondern auch den Menschen dahinter. «Ich will den Schülerinnen und Schülern die Tür öffnen, ihnen sagen: Geht in Museen!», sagt die Lehrerin. Sie schauten sich Alberto Giacomettis schlanke Bronzen an, begriffen, dass die einen stillstanden, die anderen schritten. Sie liessen sich von Le Corbusier und Pipilotti Rist inspirieren. Sie näherten sich in Basel Jean Tinguelys kinetischen Objekten an. Bei der Umsetzung standen ihnen nebst Hort auch Stefan Kreier aus Eschlikon, der St. Galler Vaclav Elias und Xaver Dahinden aus Kreuzlingen bei.

Bei der Malerei entlehnten die Schüler die Farben und ihre Kompositionen. Sie abstrahierten das Figurative, schafften Tiefe mit Schichten und Strukturmitteln wie Sand oder Gips, collagierten. Die schlank gekleisterten Figuren machen den Anschein von Güssen. Die geschraubten und verschweissten Objekte lassen neue Perspektiven auf das zu, was im Sinne Tinguelys nicht Sinn sein muss. Der Prozess stand im Vordergrund. So konnten ohne Druck Werke entstehen, die eigentlich immer richtig sind, weil sie nicht stimmen müssen. «Kunst ist ein Türöffner», sagt Franziska. Zurück in den nicht immer einfachen Alltag.

Vernissage: heute, 17 bis 20 Uhr, im Schloss Frauenfeld, Laudatio von Kurator und Galerist Jordanis Theodoridis (widmertheodoridis) um 18 Uhr. Samstag, 1., und Sonntag, 2. Juli, 13 bis 17 Uhr geöffnet.

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