Die Kuh gesundzüchten

FRAUENFELD. Eine Interessengemeinschaft will der Viehzucht neue Impulse geben. In Zeiten der laufend optimierten Milchleistung sollen vermehrt auch die Grösse und Robustheit der Tiere berücksichtigt werden. Damit liessen sich auch Kosten sparen.

Silvan Meile
Drucken
Teilen
Grössere Kühe benötigen im Stall mehr Platz. (Bild: Benjamin Manser)

Grössere Kühe benötigen im Stall mehr Platz. (Bild: Benjamin Manser)

Seit den 60er-Jahren hat sich die jährliche Milchmenge einer Schweizer Kuh verdoppelt. Heute erbringen die Tiere Spitzenleistungen mit durchschnittlich rund 7500 Litern pro Jahr, einige schaffen es über 10 000 Liter. Und weiterhin werden die Kühe auf eine möglichst effiziente Milchproduktion hin gezüchtet. Diese Entwicklung widerspiegelt sich auch in der Körpergrösse der Tiere. Denn je grösser eine Kuh ist, desto grösser ihre Milchleistung. «In den vergangenen zehn Jahren ist die Schweizer Kuh einen Zentimeter pro Jahr gewachsen», sagt Michael Schwarzenberger, Tierzuchtlehrer am landwirtschaftlichen Bildungszentrum Arenenberg.

Doch dieses Streben nach der wirtschaftlich gewinnbringenden Milchkuh hat auch seine Schattenseiten, sagt Schwarzenberger. Das Tier braucht nicht nur laufend mehr Platz im Stall, sondern werde auch anspruchsvoller in der Haltung. Mit der wachsenden Grösse nimmt auch das Gewicht zu, das die Kuh auf ihren Klauen tragen muss. Das Trimmen auf Leistung mache sie anfälliger für Krankheiten. Deshalb kamen beim 30jährigen Arenenberg-Berater Zweifel auf. Er stellte sich die Frage, wie es mit der Tierzucht weitergehen soll, in einer künftigen Landwirtschaft mit weniger Antibiotika und Kraftfutter.

Eigener Index für Zuchtstiere

Ende März gründeten in Weinfelden zwanzig Landwirtschaftsvertreter aus der ganzen Deutschschweiz aus Schwarzenbergers Überlegungen die Interessengemeinschaft Neue Schweizer Kuh. Als Präsident wurde Martin Huber, Direktor des Bildungs- und Beratungszentrums Arenenberg, gewählt.

Der Viehzucht soll mit ihrer auf dem Markt verfügbaren Genetik eine neue Stossrichtung gegeben werden, die problemlosere und gesündere Kühe hervorbringt. Dafür erstellte die IG einen Katalog mit Merkmalen der Zucht. Unabhängig von der Rasse rangieren auf einem Index nun geeignete und auf dem Markt verfügbare Stiere, welche die Kriterien der IG am ehesten erfüllen. Nebst den von der konventionellen Zucht stark gewichteten Merkmalen wie das grosse Euter und die maximierte Milchleistung rücke die IG auch versteckte Werte wie Robustheit, Vitalität, Fruchtbarkeit und Langlebigkeit ins Zentrum, sagt Huber. «Wir wollen für die Bauern eine Orientierungshilfe bieten.» Das Hauptaugenmerk liegt auf «Züchten von Tieren, die betriebseigenes Gras effizient in Milch umsetzen», ergänzt Schwarzenberger. Das kommt nicht von ungefähr. Weidehaltung ist eine Richtung, die der Bund in seiner aktuellen Agrarpolitik vorgibt. So soll auch die Idee der IG unter dem Strich wirtschaftlich sein, auch mit tieferen Tierarztkosten oder weniger Ausgaben für Kraftfutter.

Kein Gehör bei Zuchtverband

Markus Hausammann, Präsident des Verbands Thurgauer Landwirtschaft, findet die Idee prinzipiell verfolgenswert. Ihm persönlich sei dieser Index, der einen gewissen Überblick im breiten Katalog an Zuchtstieren bietet, durchaus sympathisch. Entscheidend werde aber sein, wie viele Landwirte Interesse an den Bestrebungen der IG zeigten. Denn erst mit einer breiten Unterstützung würde die Idee an Einfluss gewinnen.

Skeptisch sind die Viehzüchter. «Diese IG ist absolut unnötig», sagt der Sulgener Hansjürg Altwegg, Vorstandsmitglied des Verbandes Schweizer Braunviehzüchter. Die Züchter würden jene Stiere züchten, die sie verkaufen könnten. Die Kriterien, mit denen dieser Index operiere, seien nichts Neues, sondern schon vorher bekannt gewesen.

«Unsere Bestrebungen gehen über Generationen», sagt hingegen Arenenberg-Chef Huber. Die IG plane nicht, eine neue Kuh zu züchten. Sie sensibilisiere auf Nachhaltigkeit und wolle mit ihrem Index die Nachfrage bei den Landwirten beeinflussen. Wenn dies zum Erfolg wird, dürfte damit sogar ein Druck auf die Zucht aufgebaut werden, der den Trend zu einer neuen Schweizer Kuh verstärkt.