«Die Industrie- und Handelskammer schiesst über das Ziel hinaus»

Der Vorschlag der Industrie- und Handelskammer (IHK) St. Gallen-Appenzell, dass Studierende sämtliche Kosten ihrer Ausbildung selber bezahlen sollen, wird von den Betroffenen als zu extrem empfunden. Die Finanzlage verlange aber nach Lösungen.

Fredi Kurth
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Stefan Kölliker, Bildungsdirektor Kanton St. Gallen (Bild: pd)

Stefan Kölliker, Bildungsdirektor Kanton St. Gallen (Bild: pd)

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) St. Gallen-Appenzell will, dass die Studentinnen und Studenten bei ihrem Eintritt ins Berufsleben sämtliche Studienkosten, die sie verursacht haben, abzahlen. Die entsprechende Summe könnte 100 000 Franken und mehr betragen.

Dem St. Galler Regierungsrat Stefan Kölliker gefällt zwar, dass man sich Gedanken über die Finanzierung des tertiären Bildungssektors macht. «Das Modell der IHK ist mir aber doch zu innovativ», sagt der Bildungschef. Er verweist auf die Studiengebühren, die per 1. Februar bereits erhöht werden. «Wir sind ja schon mittendrin im ersten Sparprogramm.»

Mit Schulden ins Berufsleben?

Beim Vorschlag der IHK begebe man sich in eine ganz andere finanzielle Dimension, über die national diskutiert werden müsse, sagt Kölliker. Daraus könnten viele Ideen entstehen. Kölliker könnte sich eine Mischform vorstellen, die sowohl Gebühren als auch etwas vom IHK-Ansatz enthält. Bei diesem seien im Detail verschiedene Fragen offen. So bestehe die Gefahr, dass Studierende jene Richtung einschlügen, in der sie später möglichst rasch die Verschuldung abbauen könnten. Dass sie also ein anderes Studium aufnähmen, als es ihrer Neigung entspräche. «Auch ist die Grundsatzfrage im Raum, ob junge Menschen am Ende des Studiums mit einer Schuldenlast ins Berufsleben entlassen werden sollen.»

Pro Student weniger Geld bereit

Die von Kölliker angetippten Detailfragen wurden zum Teil im Wortlaut auch von den andern Befragten so beantwortet. Markus Brönnimann, Verwaltungsdirektor an der Universität St. Gallen, bemerkt, dass pro Student immer weniger Geld zur Verfügung stehe. «Doch der Kanton hat uns bis jetzt immer die Stange gehalten.» Gerade für die Schweiz ohne grosse Rohstoffvorkommen sei die Bildung ein wichtiges Gut.

Auswahl nur nach Verdienst?

Im Vorschlag der IHK stecke die Gefahr, dass die Studienwahl nur nach Verdienstmöglichkeiten getroffen werde. «Historiker gibt es dann keine mehr.» Und wenn die IHK die Kosten streng nach dem Nutzenprinzip überwälzen möchte, dann müsste auch die Wirtschaft ihren Teil übernehmen. Genau diese Meinung vertritt auch Sebastian Wörwag.

Der Rektor der Fachhochschule St. Gallen befürchtet, dass sich der Fachkräftemangel in jenen Berufsgruppen verstärken werde, bei welchen die Gehaltsaussichten weniger hoch seien. Auch müsse man bedenken, dass bereits heute die Hochschulabsolventinnen und -absolventen über die Einkommenssteuer eine Bildungsrendite an die Allgemeinheit zurückgäben.

«Zudem würde eine Schuldenmentalität gefördert, ähnlich jener in den USA», sagt Wörwag. Sparen könne man bei der Bildungsbürokratie, welche den Administrationsaufwand der Hochschulen permanent steigere.

Nicht nur Kostenverursacher

Am wenigsten Freude, wer könnte es ihnen verargen, haben die Studenten selber. Laut Theresa Niederle vom Vorstand der Studentenschaft der HSG müsste man endlich begreifen, dass die Studenten nicht nur Kosten verursachten. Man reagiere auf Vorschläge wie jenen der IHK umso beunruhigter, als die Studiengebühren nächstes Jahr bereits «signifikant erhöht» würden.

Sinnvoll wäre, die Stipendien auszubauen, «aber auf keinen Fall, dass wir bis ans Lebensende die Studienkosten abzahlen müssten».

Markus Brönnimann, Verwaltungsdirektor Universität St. Gallen (Bild: pd)

Markus Brönnimann, Verwaltungsdirektor Universität St. Gallen (Bild: pd)

Sebastian Woerwag, Rektor Fachhochschule St. Gallen (Bild: Ralph Ribi)

Sebastian Woerwag, Rektor Fachhochschule St. Gallen (Bild: Ralph Ribi)

Theresa Niederle, Vorstand der Studentenschaft der HSG (Bild: pd)

Theresa Niederle, Vorstand der Studentenschaft der HSG (Bild: pd)