Die Halinger Milane sind wieder da

MATZINGEN. In einem Wald bei Halingen übernachten winters Dutzende Rotmilane – so viele wie nirgends im Thurgau. Zwanzig Interessierte nutzten den nationalen Zähltag und beobachteten das rätselhafte Gute-Nacht-Ritual der Vögel.

Katrin Zürcher
Drucken
In der gelborangen Abenddämmerung lassen sich die ersten Milane auf den Ästen nieder. (Bilder: Sandra Schweizer)

In der gelborangen Abenddämmerung lassen sich die ersten Milane auf den Ästen nieder. (Bilder: Sandra Schweizer)

MATZINGEN. «Haut ab, ihr Krähen», ruft der siebenjährige Janis, «das ist ein Schlafplatz für Milane!» Die Sonne ist gelborange hinter dem Wald untergegangen, und die Venus strahlt am klaren Himmel. Auf der Wiese liegt Schnee, von Ostern wabert Nebel heran. Margrit Kaufmann ist besorgt: «Wenn der Nebel kommt, sehen wir nichts.» Auf dem Strässchen nach Hinterhalingen stehen zwanzig Personen, dick eingemummt in Winterjacken und Schals, die meisten mit einem Feldstecher um den Hals.

Seit einer Stunde warten sie hier, und die klirrende Kälte kriecht langsam in die Knochen. Alle Blicke sind auf den kleinen Wald gerichtet, hinter dem die Sonne untergegangen ist. Auch von blossem Auge erkennt man die dunklen Silhouetten der Vögel, die in den mehrheitlich kahlen Ästen sitzen und wie die Menschen zu warten scheinen. Ab und zu segeln weitere Vögel heran und lassen sich in den Bäumen nieder: Rotmilane, ein Falke, Krähen. «Aufpassen, jetzt ist es jeden Moment so weit», kündet Margrit Kaufmann um viertel vor fünf an.

Mehr Milane, weniger Bussarde

Seit einigen Jahren werden in der Schweiz zweimal jährlich die Bestände der Rotmilane erfasst. Freiwillige der örtlichen Natur- und Vogelschutzvereine zählen sie simultan an zwei Daten Ende November und Anfang Januar. Dabei profitieren sie davon, dass die Art fast immer in grösseren Gesellschaften nächtigt. Im Januar 2007 wurden im ganzen Land 1171 Rotmilane gezählt, im Januar dieses Jahres waren es mit 2454 mehr als doppelt so viele.

Margrit Kaufmann vom Natur- und Vogelschutzverein Frauenfeld freut sich über diese Zunahme, auch wenn sie bedauert, dass die Milane die Mäusebussarde verdrängen. Die beiden Arten seien dank des tiefgegabelten Schwanzes des Rotmilans leicht zu unterscheiden, erklärt sie. Ein Blick durch das Fernrohr von Regula Ammann, die mit Margrit und Kurt Kaufmann sowie Sandra Schweizer zum Zählteam gehört, bestätigt das. Auf einem Baum in der Nähe sitzen friedlich ein Milan und ein Bussard nebeneinander.

In Halingen, das zur Gemeinde Matzingen gehört, wurden in den letzten drei Jahren die meisten Rotmilane im Thurgau gezählt; letzten November 150. Kleinere Schlafplätze gibt es auch im Gebiet Märstetten-Wigoltingen und Bussnang-Wertbühl. Die meisten der Halinger Milane haben den Sommer in Deutschland und Polen verbracht. Wird das Futter winters auch hier zu knapp, ziehen sie weiter nach Frankreich.

Wie auf ein geheimes Zeichen

Letztes Jahr bot Margrit Kaufmann erstmals eine Führung an am nationalen Zähltag. «Das Interesse war gross, aber es regnete und man sah nichts.» Doch dieses Jahr wird das geduldige Ausharren in der Kälte belohnt: Wie auf ein geheimes Zeichen hin erheben sich plötzlich alle Rotmilane gleichzeitig aus den Bäumen. Im dämmrigen Himmel ziehen sie ein paar Kreise. Jetzt heisst es schnell zählen, denn noch vor fünf ist das Schauspiel vorbei. Warum Milane allabendlich vor der Nachtruhe gemeinsam auffliegen, ist nicht bekannt. Hingegen weiss man, dass sie sich manchmal necken oder im Flug mit anderen messen.

Bevor Margrit Kaufmann die Führung beendet, will sie wissen, wer wie viele Tiere gezählt hat. Die Angaben liegen zwischen 60 und 90. «Wir notieren 70 bis 80», sagt sie. Als sich die Menschen zu ihren warmen Schlafplätzen begeben, zieht ein Schwarm Krähen krächzend über sie hinweg. Der kleine Janis schaut ihnen missmutig nach.

Die Spannweite der Rotmilane misst 1,50 bis 1,70 Meter. Wegen des charakteristischen Schwanzes wird er auch Gabelweih genannt. (Bild: Sandra Schweizer)

Die Spannweite der Rotmilane misst 1,50 bis 1,70 Meter. Wegen des charakteristischen Schwanzes wird er auch Gabelweih genannt. (Bild: Sandra Schweizer)