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Die grosse Wut auf Facebook

Professor Thomas Merz ist Prorektor und Medienpädagoge an der Pädagogischen Hochschule Thurgau. Er sagt, warum man politisch strittige Meldungen auf Facebook sehr kritisch prüfen sollte, bevor man sie kommentiert oder weiterverbreitet.
Ida Sandl
Thomas Merz Medienpädagoge (Bild: pd)

Thomas Merz Medienpädagoge (Bild: pd)

Thomas Merz, auf Facebook geht es mehr zur Sache als im wirklichen Leben. Da reicht manchmal ein Gerücht und Wut entflammt.

Thomas Merz: Das ist heute leider ein häufiges Phänomen auf sozialen Medien wie Facebook oder Twitter. Wut, Ärger bis hin zu Hass entladen sich oft schon beim kleinsten Hinweis. Man regt sich auf, noch bevor man weiss, was wirklich passiert ist.

Müsste man nicht vorsichtiger sein, man weiss ja nie genau, wer alles den Post liest?

Merz: Ja, aber man findet auch Gleichgesinnte, bei positiven wie bei negativen Äusserungen. Das macht im positiven Sinn die Faszination aus. Dass auch negative bis hin zu absurden Äusserungen unterstützt werden, macht viele noch mutiger.

Facebook kann den eigenen Ärger noch verstärken?

Merz: Durchaus. Man bestärkt sich gegenseitig darin. Dazu kommt: Wenn ich jemandem physisch gegenübersitze, dann sehe ich die Reaktionen. Wir können rasch zurückfragen oder unsere Aussagen genauer erklären. In den sozialen Medien legt man sich auf Worte fest. Die stehen dann erst einmal da und führen in der Kürze oft zu Missverständnissen.

Das geschriebene Wort wirkt länger als das gesprochene.

Merz: Im Gespräch kann ich eine Aussage relativieren, zurücknehmen, ergänzen. Der Post steht da. Und viele sehen oder lesen es gar nicht mehr, wenn es später ergänzt oder präzisiert wird.

Ist das der Grund, warum so viele Posts im Dialekt abgefasst werden? Fühlt man sich da sicherer?

Merz: Soziale Medien stehen von ihrer Nutzung her ganz grundsätzlich nah bei der mündlichen Sprache. Es gibt viele, die fühlen sich in Mundart wohler oder empfinden sie als einfacher.

Ist es nicht erstaunlich, wie viel die Menschen auf sozialen Medien von sich preis geben?

Merz: Das eine ist ohne das andere halt nicht möglich. Wer bei Diskussionen und Austausch auf sozialen Medien mitmachen möchte, muss sich darauf einlassen, dass man nie genau weiss, wer alles eine Botschaft liest und wie sie bei ihnen ankommt. Das war schon bei den traditionellen Medien so – nur ist hier die Verbreitung viel schneller und oft auch viel grösser.

Birgt gerade die Schnelligkeit nicht auch eine gewisse Gefahr?

Merz: Hier sehe ich eine grosse Herausforderung. Vor ein paar Wochen wurde etwa die Aussage eines brasilianischen Bischofs völlig aus dem Zusammenhang gerissen, grundlegend abgeändert, gepostet, zu Tausenden geteilt und natürlich auch negativ kommentiert. Am nächsten Tag wurde die Meldung zwar korrigiert, die Falschaussagen wurden trotzdem weiterverbreitet.

Was war das für eine Aussage?

Merz: Dem Bischof von Toledo wurden frauenfeindliche Aussagen unterstellt, die er nie gemacht hat. Das zeigt aber auch: Man ist dem Risiko ausgesetzt, auch wenn man selber gar nichts schreibt oder gar nicht auf sozialen Medien aktiv ist.

Wie kann man sich davor schützen, dass man keiner Falschmeldung aufsitzt?

Merz: Eigentlich müssen wir uns bei jeder Meldung fragen: Stimmt die überhaupt? Wie ist sie belegt? Von wem stammt sie? Wer hat ein Interesse daran, dass diese Meldung verbreitet wird? Auch Bilder sind kein Beleg. Insbesondere, bevor wir solche Meldungen selbst weiterverbreiten, ist solche Sorgfalt angebracht. Oft ist auch nicht klar, wer eine Aussage macht, obwohl es auf einem persönlichen Profil steht.

Wie meinen Sie das?

Merz: Es gibt auch sehr viele gefälschte Profile, die teilweise ganz gezielt für politische Meinungsbildung eingesetzt werden. Ich muss also nicht nur den Wahrheitsgehalt einer Meldung überprüfen, sondern auch, ob tatsächlich ein Mensch hinter einem Profil steckt.

Klingt anspruchsvoll?

Merz: Wir haben eine enorme Datenflut, die ständig auf uns einströmt. Der moderne Mensch muss heute das tun, was früher die Zeitungsredaktoren gemacht haben. Die Meldungen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen und aussortieren, was ist wichtig und was nicht.

Wird die heutige Jugend besser mit sozialen Medien umgehen können?

Merz: Sie sind zwar mit den sozialen Medien aufgewachsen, dafür geht die Entwicklung immer schneller. Gerade waren noch Facebook und Twitter in, dann WhatsApp, jetzt Instagram oder Snapchat. Bei Elternabenden zum Thema neue Medien stelle ich fest, dass die jungen Eltern heute dazu sogar mehr Fragen haben als ihre Vorgänger vor zehn Jahren. Im neuen Lehrplan ist aber vorgesehen, dass die Thematik einen höheren Stellenwert erhält.

Neigt sich die Zeit von Facebook, schon dem Ende zu?

Merz: Das vermute ich nicht. Der Hype ist bei uns vorbei. Facebook wird aber schon lange totgeredet und totgeschrieben. Aber es funktioniert noch immer und ist im Hinblick auf die Verbreitung nach wie vor sehr bedeutsam.

Es ist auch ein Sammelbecken der Banalitäten. Überwiegt der Nutzen?

Merz: Das kommt sehr darauf an, wie man es nutzt. Das Medium bietet beides – Raum für Oberflächlichkeit genauso wie für wertvollen Austausch mit spannenden Menschen. Dank der sozialen Medien kann ich mich beispielsweise mit Medienpädagoginnen und Medienpädagogen auf der ganzen Welt regelmässig austauschen, was sehr inspirierend ist.

Was sollte man tun, bevor man seinem Ärger auf Facebook freien Lauf lässt. Dreimal tief durchatmen?

Merz: Mindestens. Ich rate zu mehr Gelassenheit und Sorgfalt. Sich nicht provozieren lassen, gerade bei politischen Kommentaren. Und die Fakten prüfen. Einen Dialog auch mal abbrechen oder den Absender blockieren, wenn man sich nicht sicher ist, wer dahintersteckt.

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