Die Grenze in Koordinaten gefasst

Bislang stand die Landesgrenze an Untersee und Rhein nur in Worten fest. Nun gibt es Koordinaten. Adrian Wiget vom Bundesamt für Landestopografie erklärt, warum es exakte Angaben für die Landesgrenze braucht.

Gudrun Enders
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Blick von der alten Rheinbrücke auf Diessenhofen und St. Katharinental. Gegenüber liegt das deutsche Ufer. (Bild: Gudrun Enders)

Blick von der alten Rheinbrücke auf Diessenhofen und St. Katharinental. Gegenüber liegt das deutsche Ufer. (Bild: Gudrun Enders)

Zurzeit werden in Diessenhofen und Schlatt Parzellen im Rhein ausgeschieden und dem Thurgau als Eigentum zugewiesen. Dem liegt die Landesgrenze im Rhein zugrunde. Steht die definitiv fest?

Adrian Wiget: Der Verlauf der Landesgrenze im Hochrhein und Untersee stützt sich auf alte Verträge zwischen dem Grossherzogtum Baden und den Kantonen beziehungsweise der Eidgenossenschaft. Darin ist die Grenze nur in Worten festgelegt, wie etwa «Mitte des Rheins». Die Vermessungsbehörden von Baden-Württemberg und der Schweiz haben nun diese Grenze koordinatenmässig bestimmt. Auf juristisch-diplomatischer Ebene ist diese Grenzfestlegung aber noch nicht abgeschlossen.

Warum?

Wiget: Entlang den Kantonen Thurgau und Zürich verläuft die Grenze schon seit über 150 Jahren in der Mitte des Rheins. Doch weiter unten, in den Kantonen Aargau und Baselland, verläuft sie entlang des Talweges. Nun soll sie überall auf die Rheinmitte umgestellt werden. Der Gesamtverlauf soll schliesslich in einem einheitlichen Staatsvertrag geregelt werden.

Wann ist der abgeschlossen?

Wiget: Unsere Kollegen in Baden-Württemberg und wir vom Bundesamt für Landestopografie swisstopo haben die Grundlagen abgegeben. Das geht jetzt seinen diplomatischen und juristischen Weg. Wie lange das dauert, kann ich nicht sagen. Was die Kantone Thurgau und Zürich angeht, haben wir die bestehende Grenze nur vermessungstechnisch präziser festgelegt. Wir können davon ausgehen, dass diese Grenze unbestritten ist.

Wo liegt die Mitte des Untersees?

Wiget: Es gab tatsächlich Klärungsbedarf, wie man die Mitte des Untersees festlegt. Wir haben uns auf die Methode der «einmittenden Kreise» geeinigt. Dabei macht man weite Kreise, die gerade noch die Uferlinien tangieren. Wenn man die Mittelpunkte verbindet, dann erhält man den Grenzverlauf.

Und wie bestimmt man die Mitte des Rheins?

Wiget: Wir haben diese auf Luftbildern bestimmt. Es gab eine Vorarbeit aus dem Jahr 2004, die Erfassung der Rheinachse für die Schifffahrt. Sie haben damals schon die Mitte des Rheins festgelegt. Wir haben überprüft, ob sie auch unseren Kriterien entspricht, das heisst der Mitte des Hauptgerinnes. Bei den Inseln etwa stellt sich die Frage, ob es eine bedeutende Insel ist. Denn eine Sandbank kann keine Rolle spielen, wenn es um eine Landesgrenze geht, eine dominante Insel schon.

Wie die Insel Werd bei Eschenz?

Wiget: Die spielt keine Rolle, weil die Grenze vorher auf die deutsche Seite wechselt. Da ist die Mitte des Rheins nicht mehr entscheidend, denn das gesamte Gewässer befindet sich auf Schweizer Seite.

Das ist noch kompliziert.

Wiget: Das war für mich auch sehr spannend. Wir haben diese Arbeiten nur aufgrund von Luftbildern und Kartenmaterial gemacht. Einzig die Brücke in Diessenhofen habe ich privat an einem Wochenende angeschaut.

Wie war Ihr Eindruck?

Wiget: Die Gegend, das Städtchen und die alte Holzbrücke haben mir sehr gefallen.

Geht die Grenze durch Brücken?

Wiget: Die Grenze haben wir im Wasser festgelegt, ein Bauwerk kann sie nicht ändern. Wir haben aber auch geschaut, ob es Markierungen an der Brücke gibt und wie die mit unserer erhobenen Grenze übereinstimmt. Rotweisse Latten zeigen an der Diessenhofer Brücke die Grenze an und die stimmen sehr gut mit der Rheinmitte überein.

Archäologen können nun bei Tauchgrabungen oberhalb Eschenz ihre Funde dem richtigen Land zuteilen. Welche Auswirkungen hat Ihre Grenzerhebung noch?

Wiget: Da die Grenze nun mit Koordinaten festgelegt ist, können die Taucher sie exakt bestimmen, zum Beispiel mit GPS. Auch bei einem Unfall könnte sich die Frage stellen, ob er auf Schweizer oder deutschem Boden passiert ist. Ausserdem lässt sich die Landesgrenze nun digital in Dokumenten und geographischen Informationssystemen darstellen. Dazu braucht man diese Koordinaten.

Wo liegt die Grenze im Obersee?

Wiget: Der Obersee ist internationales Gewässer und hat keine Hoheitsgrenzen. Wir haben uns mit den Nachbarländern auf eine technische Abgrenzung geeinigt. Mit nur sechs Punkten ist sie relativ einfach bemessen.

Adrian Wiget Leiter Geodäsie, Bundesamt für Landestopografie swisstopo (Bild: pd)

Adrian Wiget Leiter Geodäsie, Bundesamt für Landestopografie swisstopo (Bild: pd)

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