Die geraubte Kindheit

FRAUENFELD. Otto Zumsteg hat als Heimkind und Verdingbub Schlimmes erlebt. Darum hat er es sich zur Aufgabe gemacht, anderen Menschen Gutes zu tun. Er selbst wünscht sich: «Ich möchte noch einmal im Leben richtig glücklich sein.»

Ida Sandl
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Inmitten von Engeln: Otto Zumsteg in seinem Wohnzimmer in Frauenfeld. (Bild:)

Inmitten von Engeln: Otto Zumsteg in seinem Wohnzimmer in Frauenfeld. (Bild:)

Die Engel tun ihm gut. Deshalb hat Otto Zumsteg auch so viele: kleine Figuren, Kerzenhalter und Bilder. Einer ist aus Stein und so gross wie ein Kindergärtler. Es ist ein Geschenk von Zumstegs Lebenspartnerin, die vor einem Jahr an Krebs gestorben ist.

Wieder ein Schicksalsschlag. Er zählt sie nicht mehr. Das Leben geht mit Otto Zumsteg nicht zimperlich um. Ein paarmal wollte er Schluss machen. Stets hat ihn etwas oder jemand zurückgehalten. Die Engel müssen doch auf seiner Seite sein.

Schlimmer als befürchtet

Otto Zumsteg lebt in Frauenfeld, im Sommer ist er 75 Jahre alt geworden. Mit Tochter Ilona und den Enkeln hat er gefeiert. «Ohne Ilona würde ich nicht mehr leben.» Er zeigt auf das Foto einer Frau mit einem herzlichen Lachen. Es gibt auch Schönes in seinem Leben.

Aber noch mehr Trauriges. Letzte Woche hat er sich seine Kinderheim-Akte zeigen lassen. «Es war ein Schock.» Otto Zumsteg hat gewusst, dass seine Eltern mit den acht Kindern überfordert waren. Dass es so schlimm war, ahnte er nicht. Die Wohnung sei völlig verdreckt, das WC verstopft. Das schrieb der Gemeinderat von Stein im Aargau nach dem Hausbesuch bei Zumstegs ins Protokoll: «Soll aus den Kindern noch etwas werden, so müssen sie den Eltern weggenommen und in erzieherisch tüchtigen Pflegefamilien untergebracht werden.»

Sie sind ihren Eltern dann auch weggenommen worden. Otto und sein jüngerer Bruder Fridolin kamen aber nicht in eine tüchtige Familie, sondern in ein Heim für geistig Behinderte. Otto Zumsteg war drei, Fridolin zwei Jahre alt.

Es gab keine Liebe, aber auch keine Schläge. «Immerhin.» Otto Zumsteg hat gelernt, für wenig dankbar zu sein.

Grossmutter kümmerte sich

Die Eltern meldeten sich nicht, weder Besuche noch Geschenke, nicht einmal an Weihnachten. Nur die Grossmutter kümmerte sich um die Buben. Sie holte ihre Enkel nach zwei Jahren zu sich nach Lohn bei Schaffhausen.

Dort lebten inzwischen auch die Eltern mit den anderen Geschwistern. Es ging nicht lange gut. Der Grossvater starb, es gab Streit, die Grossmutter ging und der Haushalt geriet wieder aus den Fugen.

Eines Tages seien Fridolin und er von der Schule heimgekommen. Sie gingen in die erste und zweite Klasse. «Vor dem Haus standen Polizisten und der Beistand, ein Pfarrer.» In Turnhosen, so wie sie waren, seien sie ins Auto gezerrt worden. Hätten sich nicht einmal von Eltern und Geschwistern verabschieden können. Fridolin habe geschrien wie am Spiess. Otto Zumsteg hört es heute noch.

Wieder ein Kinderheim, wieder Nonnen. Diesmal in Hermetschwil im Aargau. Die Schwestern Augustine und Justine waren besonders gefürchtet. «Sie haben uns geschlagen und gedemütigt», sagt Otto Zumsteg. Als sein Bruder Durchfall hatte, habe er alles selber aufputzen müssen. «Dann wischte ihm die Schwester mit dem dreckigen Lumpen übers Gesicht.» Mit zehn Jahren wurde Otto Zumsteg von einem Angestellten des Klosters im Holzschopf sexuell missbraucht. Er habe es der Schwester Oberin erzählen wollte. Doch der Mann drohte: «Dann bring ich dich um und werf dich in die Reuss.»

Zuerst die Katze, dann er

Nach der Schule fand der Pfarrer für Otto Zumsteg eine Lehrstelle in einer Käserei und Schweinemästerei am Zugerberg. Was er dem Bub für einen Lohn zahlen müsse, habe der Käser gefragt. Der Pfarrer habe abgewunken. Kost und Logis würden reichen. Die Familie war freundlich, eine Tochter hatte sogar ein Auge auf den Verdingbub geworfen. Nur der älteste Sohn und die Grossmutter hätten ihn gehasst. Einmal habe er beobachtet, wie die Grossmutter seinen Teller zuletzt spülte, im selben Wasser, in dem vorher das Katzengeschirr gesäubert worden war. Das habe ihn so verletzt, dass er sich mit einem Strick erhängen wollte.

Der Käser habe ihn rechtzeitig gefunden und entschieden: So geht es nicht weiter. Was dann geschah, grenzt für ihn fast an ein Wunder: Die Grossmutter habe das Haus verlassen müssen. Otto, der Verdingbub, durfte bleiben.

Je älter Otto Zumsteg wurde, umso besser ging es ihm. Er war nicht länger der Willkür der Erwachsenen ausgeliefert, sondern konnte zeigen, was in ihm steckte. Die Rekrutenschule sei für ihn nur schön gewesen, «wie ein Traum». Danach ging er nach Thayngen und arbeitete bei Knorr als Suppenmischer.

Später wechselte er zu Georg Fischer in Schaffhausen. Hier traf er seinen Vater wieder, der jetzt mit einer anderen Frau zusammenlebte. Noch einmal vertraute er ihm. Der Vater hatte zwei Häuser gekauft. Der Sohn lieh ihm Geld und half bei der Renovation, dafür sollte ein Haus ihm gehören. Doch der Vater überlegte es sich anders, verkaufte beide Häuser, steckte das Geld selber ein. «Du bist jung und kannst arbeiten», rechtfertigte er sich.

Da war das Mass voll. «Ich wollte nicht einmal zu seiner Beerdigung», sagt Otto Zumsteg. Dann ging er doch, die Arbeitskollegen hatten ihm lange genug zugeredet. Seiner Mutter sei er ab und zu in Winterthur begegnet. Ihr neuer Lebenspartner habe keinen Wert auf die Kinder aus erster Ehe gelegt. «Mehr als Grüezi und Adieu haben wir nicht geredet.»

Es sei für ihn auch nicht mehr wichtig gewesen, er war mittlerweile glücklich mit Ehefrau Elsa, Stieftochter Birgit und Tochter Ilona. Dann kam Weihnachten 1986 und Elsa wurde nachdenklich: «Was wird wohl nächste Weihnachten sein?», habe sie gefragt. Ein paar Wochen später stellten die Ärzte einen Tumor an der Galle fest. Ein Jahr lang kämpfte sie gegen die Krankheit, bis sie die Kraft verliess.

Lange lebt Otto Zumsteg jetzt schon allein. Sein grosser Wunsch: «Ich möchte noch einmal so richtig glücklich sein.» Aber das Glück lässt sich nicht zwingen, wer wüsste das besser als er. Und so hat er es sich zur Aufgabe gemacht, anderen zu helfen. Regelmässig kümmert er sich um eine pflegebedürftige Frau und eine Familie. Otto Zumsteg möchte den Menschen das geben, was er selber in seiner Kindheit und Jugend so sehr vermisst hat: Liebe.