«Die Geothermie spaltet uns nicht»

Der Wagenhauser Gemeindeammann Harry Müller stellt sich zum dritten Mal zur Wahl, aber diesmal fordert ihn ein besorgter Etzwiler heraus. Müller spricht über Geothermie, Diskussionskultur und über den Gemeinderat als gutes Team.

Gudrun Enders
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Der Wagenhauser Gemeindeammann Harry Müller zählt Argumente auf. (Bild: Reto Martin)

Der Wagenhauser Gemeindeammann Harry Müller zählt Argumente auf. (Bild: Reto Martin)

Könnte der Gemeinderat das geplante Geothermieprojekt nicht vorsichtiger einschätzen?

Harry Müller: Geothermie ist ein Projekt in unserer Gemeinde, aber es ist nicht das einzige. Es ist falsch, den Wahlkampf an diesem Projekt aufzuhängen. Zurzeit ruht es, die Geo-Energie Suisse wartet, bis klar ist, wie das Gesetz zur Nutzung des Untergrunds gestaltet wird. Der Gemeinderat hat das Projekt bis jetzt vorsichtig beurteilt.

Der Gemeinderat hat sich positiv für das Projekt ausgesprochen.

Müller: Das ist richtig, aber der Gemeinderat hat auch kommuniziert, dass selbstverständlich die Haftungsfrage geklärt, das neue Gesetz sowie die Konzessionsaufteilung feststehen müssen. Man hat niemanden ausgeschlossen. Die Begleitgruppen sind sehr breit zusammengesetzt und Mitglieder der besorgten Etzwiler sowie Umweltgruppen wurden einbezogen.

Welche Vorteile würde die Geothermie für die Gemeinde bringen?

Müller: Es könnte Arbeitsplätze geben. Wir gehen davon aus, dass die Betreibergesellschaft ihren Sitz in der Gemeinde nimmt und damit Steuersubstrat generiert wird. Es liesse sich um das Geothermiewerk etwas für unsere Region aufbauen – mit historischem Eisenbahnknotenpunkt, dem Etzwiler Ried von nationaler Bedeutung und der Dampfschiffidee, so unter dem Motto «vom Dampf zur Elektrizität». Man darf das Projekt nicht gleich absägen. Geothermie kann ein Baustein zur Lösung unserer Energieprobleme sein.

Wie kommt es, dass sich Kräfte im Dorf nicht eingebunden fühlen und als Sprengkandidaten antreten?

Müller: Es ist richtig, wenn sich Leute engagieren und kandidieren. Aber ich finde es falsch, wenn nur auf Geothermie fokussiert wird. Die Etzwiler wurden einbezogen. Zunächst sassen sechs in den Begleitgruppen, vier aus der Gruppe besorgter Etzwiler. Zwei sind nach der zweiten Sitzung ausgetreten.

Warum?

Müller: Weil sie sich mit dem Kurs nicht einverstanden erklärten. Wir haben immer versucht, Etzwilen einzubinden. Bei den letzten Wahlen mussten wir den Finanzreferenten ersetzen. Ich habe persönlich mit zwei Frauen aus Etzwilen gesprochen – die eine arbeitet bei einer Bank und die andere im Controlling. Beide haben abgesagt. Wir haben einen Aufruf gestartet, aber es hat sich kein Etzwiler gemeldet.

Spaltet die Geothermie das Dorf?

Müller: Nein, den Eindruck habe ich überhaupt nicht. Es wird mir auch so nicht kommuniziert. Es gibt eine Gruppe die politisch aktiv gegen das Projekt kämpft. Ich habe Verständnis für die Petition, die auch der Gemeinderat hätte unterschreiben können.

Geht es also um eine gepflegte politische Diskussion?

Müller: Die hatten wir immer. Seit ich Gemeindeammann bin, darf ich mit einem gewissen Stolz sagen, dass wir keine gespaltene Gemeinde, eine politische Diskussionskultur und auch offen kommuniziert haben.

Ihr Fazit nach zwei Legislaturperioden als Gemeindeammann?

Müller: Der Gemeinderat hat die Infrastruktur intensiv und kostspielig ausgebaut, die Kommunikation nach aussen verbessert, etwa mit Infos aus dem Gemeinderat und der Dorfzeitung «Drehscheibe». Weitere Projekte befinden sich in der Pipeline wie der Hochwasserschutz. Wir haben die Neuorganisation der Berufsbeistandschaft und Spitex eingeleitet und mitgetragen, den Sozialdienst nach Steckborn verlagert. Wir haben die vier Ortsteile näher zusammengebracht, etwa durch eine gemeinsame Bundesfeier an einem Ort.

Was nehmen Sie sich vor?

Müller: Wir müssen die Investitionen runterfahren. Noch eine grosse Sanierung haben wir vor uns, die die Hauptstrasse in Wagenhausen betrifft. Da gibt der Kanton den Takt vor. Diskutiert wird zudem ein Schulradweg von Rheinklingen nach Etzwilen. Das Vorprojekt ist ausgearbeitet. In der Verwaltung wird es Pensionierungen geben. Dann muss die Organisation überprüft werden. Operative Tätigkeiten sollen vom Gemeinderat auf die Verwaltung übertragen werden. Der Gemeinderat soll zukünftig strategischer arbeiten. Deshalb hat er Christoph Tobler beauftragt, ein Konzept auszuarbeiten.

Sind diese Projekte ohne Erhöhung des Steuerfusses zu realisieren?

Müller: Die Finanzen geben uns die Leitplanken vor. Nötiges muss vor Wünschbarem realisiert werden. Bei wünschbaren Investitionen muss die Höhe des Steuerfusses ein Thema sein.

Wird viel gebaut?

Müller: Wir haben eine schöne Bautätigkeit, in den letzten Jahren handelte es sich in der Regel um Einfamilienhäuser, Renovationen oder Umbauten. Die Nachverdichtung läuft schon gut. Geschützte historische Objekte werden renoviert und ausgebaut. Da sind wir froh, dass unser Kulturgut erhalten wird.

Streben Sie eine vierte Legislatur an?

Müller: Ich trete für die nächsten vier Jahre an, weil ich immer noch Freude an der Aufgabe habe und die anstehenden Aufgaben lösen möchte. Der Gemeinderat ist ein gutes Team. Eine vierte Amtszeit als Gemeindepräsident strebe ich nicht an.

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