Die Frühaufsteher

Wenig Schlaf, wüstes Wetter und pöbelnde Nachtschwärmer: Zeitungen austragen ist kein einfacher Job. Trotzdem sind im Thurgau 297 Zeitungsverträger im Einsatz. Raya Badraun hat zwei von ihnen auf ihrer frühmorgendlichen Tour begleitet.

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Kurz nach drei Uhr lädt Silvia Stäheli die frisch gedruckten Zeitungen auf ihr Velo. (Bilder: Donato Caspari)

Kurz nach drei Uhr lädt Silvia Stäheli die frisch gedruckten Zeitungen auf ihr Velo. (Bilder: Donato Caspari)

Der Wecker von Silvia Stähelis Handy klingelt. Es ist drei Uhr in der Früh. Die 57jährige Zeitungsverträgerin steht warm angezogen an der Bushaltestelle Westfeld. «Der Alarm ist eine reine Vorsichtsmassnahme», sagt sie. Falls sie nicht von alleine aufwachen würde. Der «Landbote» liegt bereits auf dem Bänkchen. Kurz nach drei parkieren die Lieferwagen an der Haltestelle und laden die frisch gedruckten Zeitungen ab. «So früh aufzustehen ist für mich mittlerweile zur Routine geworden», sagt Stäheli. Um in den Ferien länger zu schlafen, kauft sie sich jeweils Schlafmittel. Diese seien jedoch meist wirkungslos.

Auch Berta Gmür aus Romanshorn ist eine Frühaufsteherin. «Von Kindesbeinen an bin ich es gewohnt», sagt die 67jährige Toggenburgerin. Ihre Eltern hatten einen Bauernhof ausserhalb des Dorfes. Für den Schulweg musste sie zeitig aufstehen.

«Der Lohn ist ein Taschengeld»

Vor 13 Jahren haben Berta Gmür und Silvia Stäheli unabhängig voneinander angefangen, Zeitungen auszutragen. Zuerst als Aushilfen, später übernahmen sie ihre eigene Tour. «Der Lohn ist ein Taschengeld», sagt Stäheli, die früher im Service gearbeitet hat. Es sei schön, selber Geld zu verdienen, aber deshalb mache sie es nicht. «Für mich ist es eine Therapie», sagt die Frauenfelderin. Sie hatte jahrelang starkes Asthma und konnte deshalb kaum sprechen. Bei jedem Wetter draussen zu sein, habe ihr sehr geholfen. Auch Berta Gmür gefällt die frische Luft und die Ruhe in der Früh. «Fährt ein Auto heran, riecht man das sofort», sagt sie.

Zuerst zu den Frühaufstehern

Die erste Zeitung wirft Gmür kurz nach vier Uhr bei der Jugendherberge in Romanshorn neben dem Feuerwehrdepot ein. «Sie haben die Zeitung gerne früh.» Mittlerweile wisse sie, wer wann auf den Zug muss, und fahre bei den Frühaufstehern extra zeitig vorbei. Wie Silvia Stäheli ist auch Berta Gmür meist mit dem Velo unterwegs. Da die beiden oft nur über schmale Fussgängerwege zu den Briefkästen gelangen, wäre ein Auto unpraktisch.

In Romanshorn ist der Boden an diesem Morgen glatt, die kleinen Pfützen sind gefroren. Bei solchen Strassenverhältnissen muss man vorsichtig sein. Es kam schon vor, dass ihr Vorderrad in einer Kurve oder beim Bremsen wegrutschte und sie auf den Boden fiel. Ernsthaft verletzt habe sie sich dabei aber nie.

Automatisch werfen die beiden Verträgerinnen die Zeitungen in die zahlreichen Briefkästen. Für diesen Beruf braucht man ein gutes Gedächtnis. Auch deshalb, weil es immer wieder Zu- und Abgänge gibt, die auf einer Liste vermerkt sind. Übernimmt sie die Tour eines Kollegen, der krank oder in den Ferien ist, brauche sie nicht lange, bis sie weiss, wer welche Zeitung liest, sagt Silvia Stäheli. Wie merkt man sich das? «Bei Mehrfamilienhäusern merke ich mir die Namen, sonst die Häuser», sagt Berta Gmür.

Ohne Licht unterwegs

«Heute ist ein ruhiger Morgen», stellt Silvia Stäheli fest. Nur wenige Autos fahren vorbei, Fussgänger sind um diese Zeit noch keine unterwegs. Die Zeitungsverträgerin schiebt ihr Velo einen schmalen Weg entlang. Hier, zwischen den Häusern, ist es noch dunkel. «Eine Lampe brauche ich aber nicht», sagt die Hausfrau, die sich um ein Pflegekind kümmert. So würde sie nur die Bewohner wecken oder gar verschrecken. Manch ein Zeitungsverträger, der auf der Suche nach dem Briefkasten ums Haus lief, wurde schon für einen Einbrecher gehalten.

Auf ihren Touren erleben Zeitungsverträger trotz der Nachtruhe einiges. «Weil die Abfallsäcke meist früh vor die Tür gestellt werden, sehe ich am Morgen oft Füchse», sagt Berta Gmür. Manche würden den Löli machen, ihr gar nachspringen. Auch heute stehen einige Gebührensäcke an der Strasse. Sie sind mit Reif überzogen und eingefroren. Daneben liegen gefrorene Essensreste auf dem Trottoir.

Im «berüchtigten Quartier Hagenbühl», wie Silvia Stäheli schmunzelnd sagt, sei meist einiges los. Einmal sei der Alarm beim Denner losgegangen, weil eingebrochen wurde. Stäheli alarmierte sofort die Polizei. Als Zeitungsverträger müsse man sehr aufmerksam sein und alles beobachten. Die Frauenfelderin deutet auf den hell erleuchteten Verkaufsraum eines Autohändlers. «Ihn muss ich unbedingt fragen, warum er das Licht über Nacht immer brennen lässt», sagt sie und wirft die Zeitung in den Briefschlitz.

«Wie viel Gäld häsch im Sack?»

Immer mal wieder werden sie von jungen Nachtschwärmern, die auf dem Heimweg sind, angesprochen. «Die Sprüche muss man einfach ignorieren und weiterfahren», sagt Berta Gmür. Über die Begegnungen kann Silvia Stäheli nur lachen Die 57-Jährige hat immer eine Antwort parat.

«Wie viel Gäld häsch Du im Sack?», wurde sie einmal von einem Jungen frech gefragt. «Am Morge früeh bruch ich doch kei Geld!»

«Und Zigarette?»

«Ich rauche nöd.»

Schon war der Fall erledigt.

«Wer hier Zeitungen austrägt, darf keine Angst haben», sagt Stäheli und lacht.

Schnee und Regen

Normalerweise braucht ein Zeitungsverträger etwa 90 Minuten für eine Tour, bei Schnee und Regen werden es manchmal auch zwei Stunden. «Bei schlechtem Wetter nehme ich oft einen alten Kinderwagen», sagt Stäheli, die dann zu Fuss durch Frauenfeld marschiert. «Darin bleiben die Zeitungen trocken.» Die Romanshornerin Berta Gmür hat meistens Glück: «Oft regnet es erst richtig, wenn ich mit der Tour schon fertig bin.»

Der ganze Tag liegt vor ihnen

Vor dem letzten Haus steht ein älterer Mann mit Gehstock. Der Frauenfelder wartet auf seine Zeitungen. «Es ist schön, wenn man mit seinen Kunden einige Worte wechseln kann», sagt Silvia Stäheli. «Wie geht es Ihnen?», fragt sie ihn und streckt ihm die letzte Zeitung entgegen.

Langsam gehen in Romanshorn die Strassenlampen an, es ist halb sechs. Die Taschen an Berta Gmürs Velo sind leer, die letzte Zeitung eingeworfen. «Arbeitet man am Morgen früh, hat man noch den ganzen Tag vor sich», sagt sie. Das sei das Schöne, an ihrem Beruf. Berta Gmür lacht und macht sich auf den Heimweg.

Berta Gmür verteilt in Romanshorn seit 13 Jahren Zeitungen in die Briefkästen. (Bild: Reto Martin)

Berta Gmür verteilt in Romanshorn seit 13 Jahren Zeitungen in die Briefkästen. (Bild: Reto Martin)

Mit dem Velo: Silvia Stäheli ist in Frauenfeld meist mit Muskelkraft unterwegs. (Bild: Donato Caspari (Donato Caspari))

Mit dem Velo: Silvia Stäheli ist in Frauenfeld meist mit Muskelkraft unterwegs. (Bild: Donato Caspari (Donato Caspari))

Silvia Stäheli aus Frauenfeld. (Bild: Donato Caspari (Donato Caspari))

Silvia Stäheli aus Frauenfeld. (Bild: Donato Caspari (Donato Caspari))

Berta Gmür aus Romanshorn. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Berta Gmür aus Romanshorn. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))