Die Frucht einer verbotenen Liebe

Der Aadorfer Bildhauer Romuald Polachowski hat eine Gedenktafel zum 75. Jahrestag der Internierung der polnischen Soldaten in der Schweiz gestaltet. Am Samstag wird sie in Anwesenheit der Verteidigungsminister der Schweiz und Polens im jurassischen Goumois enthüllt.

Thomas Wunderlin
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Romuald Polachowski stellt in seiner Guntershauser Werkstatt Grabsteine, Kreiselschmuck und Gedenkplatten her. (Bild: Donato Caspari)

Romuald Polachowski stellt in seiner Guntershauser Werkstatt Grabsteine, Kreiselschmuck und Gedenkplatten her. (Bild: Donato Caspari)

GUNTERSHAUSEN. Die Gedenktafel besteht aus Jurakalk des Typs Comblachier. Im Format 65 auf 51 Zentimeter hängt sie am Zollhaus im jurassischen Goumois, unter einer Erinnerungstafel an die Schweizer Grenzbesetzung. In stilisierter Form zeigt sie polnische Soldaten, die in zwei Reihen über eine Landstrasse gehen. Daneben prangt das Kennzeichen der zweiten polnischen Schützendivision. Das Werk des 67jährigen Aadorfer Bildhauers Romuald Polachowski wird am Samstag, 20. Juni, enthüllt.

Anlass ist der 75. Jahrestag der Internierung von 12 000 polnischen Soldaten in der Schweiz. Organisiert wird die Gedenkfeier von der Interessengemeinschaft der Nachkommen internierter Polen in der Schweiz (IG). Erwartet werden Ueli Maurer und Tomasz Sziemoniak, die Verteidigungsminister der Schweiz und Polens.

Die Interessengemeinschaft wurde im Mai 2012 ins Leben gerufen von Polen-Schweizern, die sich für das Polenmuseum in Rapperswil engagierten. Laut Polachowski hat der Verein 150 Mitglieder.

Béret und Schnauz

Das Markenzeichen des Bildhauers ist sein Béret, an dem er einen Pin mit dem Thurgauer Wappen befestigt hat. Gelegentlich ergänzt er es mit einem polnischen Wappen-Pin. Ein weiteres Markenzeichen Polachowskis ist sein Schnauz, den er seit seinem 18. Altersjahr trägt. Er wäre gern Grafiker geworden, wurde aber abgewiesen, da er nicht die Sekundarschule absolviert und das Schweizer Bürgerrecht noch nicht hatte. So machte Romuald Polachowski bei seinem Vater eine Anlehre als Bildhauer, wie er in seiner Guntershauser Werkstatt erzählt. Da Erdbestattungen aus der Mode kommen, läuft sein Grabsteingeschäft immer schlechter. Zugenommen hat die Nachfrage nach Kreiselschmuck. Polachowski konnte allein in Aadorf drei Kreisel bestücken; auch für den Kreisel beim Autobahnanschluss Matzingen wurde er beigezogen.

Sein 1991 verstorbener Vater und er haben bis heute rund 25 Steine und Bronzetafeln hergestellt, die an die Polen-Internierung erinnern. Den ersten stellten sie 1974 bei der katholischen Kirche Lommis auf. Die Kosten von 9200 Franken für die Gedenktafel in Goumois wurden mit einer Spendensammlung zusammengetragen. Er verdiene daran fast nichts, beteuert Polachowski.

Bildhauer aus Polen

Sein Vater Pawel Polachowski war am 12. Februar 1941 mit 500 anderen Polen nach Matzingen gekommen. Er hatte eine Bildhauer-Ausbildung absolviert und eröffnete noch während des Kriegs in Lommis eine Werkstatt für Grab- und Gedenksteine und Holzschnitzereien.

Abgedrängt von Hitlers Truppen überquerten in der Nacht auf den 20. Juni 1940 auch 29 000 französische Soldaten die Schweizer Grenze. Während die Franzosen bald heimkehrten, blieben die Polen vier Jahre. Die Schweiz beherbergte erstmals so lange eine geschlossene Heereseinheit. Die bekanntere Internierung der 87 000 Soldaten der Bourbaki-Armee 1871 dauerte nur sechs Wochen.

Anfangs sollten die internierten Polen auf möglichst wenige Lager verteilt werden, was mit der einfacheren Kontrolle und der Reduzierung der Bewachungstruppen begründet wurde. Laut einer Darstellung der ETH-Militärakademie von 2003 sollte inoffiziell «wohl eine völlige Isolierung von der Bevölkerung erreicht und das nationalsozialistische Deutsche Reich nicht provoziert werden, dessen Agenten die Internierung misstrauisch überwachten». So wurden in Büren an der Aare 6000 Internierte in einem «Concentrationslager» mit Stacheldraht und Militärpatrouillen untergebracht. Da die Insassen nichts zu tun hatten, bekamen sie den Lagerkoller und revoltierten. Mit Beginn der Anbauschlacht wurden die Internierten dann zum Arbeitseinsatz verpflichtet und im Land verteilt. Die Armeeführung konzentrierte sie in acht Regionen. Ab Mai 1941 entstand so der Internierungsraum Thur, der vom Zürcher Oberland bis ins Appenzellerland reichte.

Pfahlbauerdorf ausgegraben

Unter anderem gruben die Polen 1944 das Pfahlbauerdorf Pfyn aus. Sie halfen bei der Tieferlegung der Hüttwiler Seen und arbeiteten in der Konservenfabrik Frauenfeld und dem Brikettwerk Weinfelden. Gelegentlich gab es Beschwerden über betrunkene Internierte. Insgesamt kamen Polen und Schweizer aber offenbar gut miteinander aus. Davon zeugt unter anderem eine Stellungnahme ehemaliger Internierter von 1997. Darin wird unter anderem positiv vermerkt, dass Kaufleute im Lager Matzingen ihre Lehre absolvieren durften. Im Schulhaus Sirnach konnten 130 Polen sogar ein Hochschulstudium absolvieren. Unterrichtet wurden sie von Professoren der Handelshochschule St. Gallen.

Armee macht Rassenpolitik

Unter den Internierten verhasst war der «Orange-Befehl»; erlassen wurde er am 1. November 1941 vom eidgenössischen Kommissär für Internierung und Hospitalisierung, Oberstleutnant Victor Henry. Er verbot den Internierten unter anderem «die Eingehung einer Ehe»; den einheimischen Frauen untersagte er «alle auf eine solche hinzielenden Beziehungen mit Internierten».

Von einem «rassenpolitischen Entscheid» der Armeeführung schrieb May B. Broda in einem Beitrag für die Appenzeller Jahrbücher 1991. Das Verbot war jedoch «nicht besonders wirksam», heisst es in der erwähnten ETH-Publikation. 316 Schweizerinnen heirateten bis Oktober 1945 einen polnischen Internierten, 369 polnische Internierte wurden bis Ende Mai 1946 Väter unehelicher Kinder.

Der Orange-Befehl verhinderte auch die Liebschaft zwischen Pawel Polachowski und der Lommiserin Agatha Schwager nicht. Das Paar heiratete am Kriegsende im Mai 1945. Da sie mit der Heirat ihren Schweizer Pass verlor und er Heimweh hatte, zogen sie mit ihrem Töchterchen 1947 ins polnische Slotow. Dort kam 1948 Romuald zur Welt. Agatha Polachowski litt in Polen, da sie als Deutsche behandelt und entsprechend diskriminiert wurde. 1956 konnte sie mit den beiden Kindern in die Schweiz zurück ziehen, ein Jahr später folgte ihr Mann.