Die Frau vom Seerücken

Nebelverhangen die Tage, lang und dunkel die Nächte. «Es geht nichts über einen gemütlichen Fernsehabend», sage ich zu meinem Schatz. «Ich kann keine Serien mehr sehen.» Wütend knallt meine Frau Turmspatz unsere Fernbedienung in die Ecke.

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Nebelverhangen die Tage, lang und dunkel die Nächte. «Es geht nichts über einen gemütlichen Fernsehabend», sage ich zu meinem Schatz. «Ich kann keine Serien mehr sehen.» Wütend knallt meine Frau Turmspatz unsere Fernbedienung in die Ecke. «Auf allen Kanälen laufen Weihnachtsfilme, in denen eine wunderschöne, aber arme Frau nach jeweils 90 Minuten Chaos ihren Traummann findet.» Mit viel Klebeband versuche ich, das Gerät zu reparieren. Vergeblich. «Was ist mit Fussball und Wintersport?» «Adventszeit ist Geschichtenzeit», sagt sie bestimmt. «Diese magischen Nächte laden zum Erzählen ein.» «Soll ich dir etwa das Fernsehprogramm vorlesen? Dann kann ich mir vorstellen, was wir uns ohne deinen Wutanfall angeschaut hätten.» Sie legt ein verstaubtes Buch neben die Fernbedienungsleiche: «Gefunden. Auf dem Estrich. Sagen vom Seerücken.» Frau Turmspatz macht Tee, ich heize den Ofen ein. Dann suchen wir eine Geschichte aus. «Vor vielen Jahren lag am Ufer des Untersees ein kleines, bedeutungsloses Städtchen», beginne ich. «Steckborn», ruft sie dazwischen. «Die Leute waren traurig, denn draussen im Land beachtete man sie kaum. Eines Tages erschien oben auf dem Seerücken eine kluge Frau. Sie lebte in einem kleinen Dorf mit einem Schloss.» «Herdern.» «Ich möchte mithelfen, dieses Land zu regieren», sagte sie, «doch das geht nicht ohne euch.» «Was können wir tun?», fragten die Leute vom See. «Lies weiter.» «Die nächste Seite fehlt.» «Schade. Gerne hätte ich gewusst, wie die Frau aus Herdern das Land regiert und dabei den Steckbornern zu mehr Bedeutung verhilft.» «Lassen wir uns überraschen», sage ich und schenke Tee ein. «Diese Geschichte ist noch nicht zu Ende.»