Die Frau für Sorgen und Probleme

Im Empfangs- und Verfahrenszentrum in Kreuzlingen ist es derzeit eng. Über 200 Asylbewerber warten auf ihren Entscheid. Die Betreuerin Maggie und ihre Kollegen sind gefordert. Ein Blick hinter die Mauern von Nicole D'Orazio (Text) und Reto Martin (Bilder).

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Kampf gegen die Langeweile und Monotonie. Zwei Iraner vertreiben sich in ihrem Schlafsaal die Zeit mit Lesen und Reden. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Kampf gegen die Langeweile und Monotonie. Zwei Iraner vertreiben sich in ihrem Schlafsaal die Zeit mit Lesen und Reden. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Die Gänge sind lang, grau und kalt. Die Türen sind geschlossen. Im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) in Kreuzlingen ist der Besucher in einer anderen, sterilen und auch harten Welt. Maggie – aus Schutz verrät die junge Frau nur ihren Spitznamen – geht den Gang entlang, klopft an eine Tür und öffnet sie. Kleine Kinder afrikanischer Herkunft sind am Spielen und empfangen die Mitarbeiterin der ORS Services AG, welche für die Betreuung im EVZ zuständig ist, mit einem Lächeln. Die Luft im Schlafraum ist stickig, man könnte sie schneiden. «Hallo, wie geht es euch?», fragt sie. «Gut», meinen die Kleinen scheu. «Wo ist eure Mutter?» hakt die 28-Jährige nach. Nur ein Schulterzucken. «Es ist leider keine Seltenheit, dass Mütter ihre Kinder hier oft alleine lassen», erzählt sie. «Darum haben ich und meine Kollegen ein Auge auf sie.»

Mit Händen und Füssen

Auf ihrem Rundgang trifft Maggie auf Frauen und Männer verschiedenster Nationalitäten, die in der Schweiz Asyl beantragen und in Kreuzlingen auf den Entscheid des Bundesamtes für Migration warten. Ständig wird sie etwas gefragt. Ein Mann hätte gerne frische Bettwäsche, da er tags zuvor keine bekommen hat. Eine Frau würde gerne duschen und versteht nicht, warum die Anlage geschlossen ist. Zuerst auf Englisch, dann auf Spanisch und schliesslich mit den Händen erklärt ihr die Deutsche, dass die Duschen ab 13 Uhr geöffnet sind. «Am Morgen werden sie gereinigt und müssen zuerst trocknen.»

Andere Asylbewerber wollen einfach ein wenig reden, wie zwei Iraner, die erst zwei Wochen in Kreuzlingen sind. Es gefalle ihnen gut und sie seien mit allem zufrieden, erzählen sie der Betreuerin. Dass ihr Aufenthalt noch länger dauern könnte, scheint sie jedoch zu erstaunen. Sie glaubten, hier schnell weg zu kommen.

Nicht für alle Platz

Momentan sind im EVZ in Kreuzlingen 219 Erwachsene und 15 Kinder untergebracht. Weitere 89 Männer müssen in den Notschlafstellen übernachten und werden in der sogenannten Tagesstruktur beschäftigt. «Wir sind überbelegt», erzählt Maggie. Pro Tag kämen zwischen zwei und 40 neue Personen an, das variiere stark. «Die Leute sind aber maximal drei Monate bei uns, so lange könne das Asylverfahren dauern.»

Nach ihrem Rundgang geht Maggie in die Küche, wo die Vorbereitungen für das Mittagessen laufen. Es wird Brot geschnitten und der Salat portioniert. Das Hauptgericht wird vom Restaurant Post Bahnhof geliefert. Neben der Küche liegt ein kleiner Aufenthaltsraum für die Angestellten. Die Asylbewerber klopfen oft an die Tür. «Hier können sie bei uns Spiele und Puzzles ausleihen», erzählt die junge Frau. «Aber oft wollen sie einfach etwas wissen.»

Dann ist Mittagszeit. Maggie ist mit Brot verteilen dran. Zuvor schiebt sie aber den Wagen mit den Wasserkrügen in den Ess-Saal. Die Asylbewerber stellen sich mittlerweile in die Schlange. Alles geht gesittet zu, keiner drängt sich vor. Ein Securitas steht jedoch daneben. «Heute gibt es Reis und Poulet an Currysauce», sagt Maggie. «Das mögen die meisten.» Dennoch müsse täglich einiges weggeworfen werden. «Wir sind verpflichtet, genug Mahlzeiten bereit zu haben, auch wenn nicht alle im EVZ essen.»

Teilzeitjob neben Studium

Dann hat Maggie Pause, Zeit für einen Kaffee und einen Schwatz mit ihren Kollegen. Ein 15köpfiges Team ist für die Betreuung der Asylbewerber zuständig. Hinzu kommen Mitarbeiter der Securitas sowie jene des Bundesamtes für Migration, welche die Asylanträge bearbeiten. Die 28-Jährige arbeitet seit fast drei Jahren im EVZ Teilzeit. Denn in Konstanz studiert sie das Lehramt für Deutsch und Spanisch.

Vom Job hat sie über eine Kollegin erfahren. «Die Arbeit ist sehr vielfältig. Kein Tag ist wie der andere», erzählt sie. Neben der Betreuung gehe es vor allem um die Beschäftigung der Asylbewerber. «Mit den Kindern basteln oder malen wir, gehen mit den Erwachsenen Fussball spielen oder spazieren.» Die Langeweile sei das Hauptproblem, da Asylbewerber nicht arbeiten dürften. «Das frustriert viele. Darum flüchten sie sich in den Alkohol. Das soll aber keine Entschuldigung sein.»

Da derzeit sehr viele Menschen im EVZ wohnen, sei es eine heftige Zeit, erzählt Maggie. «Leider kommt es regelmässig zu Schlägereien, und wir müssen die Polizei rufen.» Auch machten die Betrunkenen oft Ärger. In diesem Zustand käme oft die Verzweiflung hoch. Manche müssten in die Psychiatrische Klinik gebracht werden, da sie suizidgefährdet seien.

Auch schon bedroht

Angst hatte Maggie bei der Arbeit noch nie. «Wenn ein Asylbewerber aggressiv ist, muss man ruhig bleiben. Im Notfall kann man die Securitas rufen.» Aber das sei selten der Fall. Ab und zu käme es zu Bedrohungen wegen Kleinigkeiten. Und dumme Anmachsprüche liessen sie kalt. «Die Nordafrikaner, speziell die Tunesier, sind diesbezüglich mühsam.»

Grundsätzlich lerne man, sich zu distanzieren. Kontakt dürften die Angestellten mit den Asylbewerbern keinen haben. «Doch anfangs ist es schwierig, die Leute erzählen schlimme Geschichten von Vergewaltigungen oder Folter. Das geht einem nahe.» Das dürfe man aber nicht mit nach Hause nehmen. Und schon klopft es wieder an die Tür...

Kein Platz für Privatsphäre: Blick in einen Schlafsaal. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Kein Platz für Privatsphäre: Blick in einen Schlafsaal. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Maggie verteilt beim Mittagessen Brot. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Maggie verteilt beim Mittagessen Brot. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Die Boutique: Die Kleiderspenden warten auf neue Besitzer. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Die Boutique: Die Kleiderspenden warten auf neue Besitzer. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))