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Die Forschungslandschaft droht zu veröden

Zum Plan des Bundesrates, die Schweizer Agrarforschung zu zentralisieren.
Silvan Meile

Bundesrat Johann Schneider-Ammann hat sich wieder vor die Kamera gesetzt. Doch diesmal löste er kein Gelächter aus. Diesmal sorgte er für Entsetzen. Bestürzt rieben sich Bauern und Politiker die Augen, Forschern stockte der Atem. Der Bundesrat will die zwölf Agroscope-Standorte zentralisieren. Statt in unterschiedlichen Landesteilen soll der Bund als Sparmassnahme nur noch im freiburgischen Posieux ernsthaft Agrarforschung betreiben.

Der Wirtschaftsminister greift zur Axt und hackt in seinen Plänen um, was die Eidgenossenschaft während weit mehr als hundert Jahren aufgebaut hat. Das schmerzt im Bauernkanton Thurgau besonders. Deshalb muss er sich entschieden gegen den Verlust der hundert Agroscope-Arbeitsplätze in Tänikon wehren. Speziell gefordert ist Regierungsrat Walter Schönholzer, der vor eineinhalb Jahren noch die Rettung dieser Arbeitsplätze als seinen Erfolg verbuchte. Nun ist es an ihm, den Widerstand zu formieren, damit sie tatsächlich erhalten bleiben.

Im Wissen um die Sparpläne bei der Agroscope hat der Thurgau dem Bund vor zwei Jahren Hand geboten. Mit der Übernahme des Landwirtschaftsbetriebs in Tänikon entlastet der Kanton die Agroscope finanziell. Gleichzeitig ebnet er mit seinem Projekt Swiss Future Farm der Landwirtschaft den Weg in die Digitalisierung, schafft Wissen für den Bauernhof der Zukunft. Dafür akquirierte der Kanton Mittel aus der Privatwirtschaft, die letztlich auch der eidgenössischen Forschung zugutekommen. Das ist genau das, was Bundesrat Schneider-Ammanns Wirtschaftsdepartement verlangte, um die Betriebskosten der Agroscope senken zu können. Wie ein Musterschüler hat der Thurgau seine Hausaufgaben gemacht. Dass Agroscope den Standort Tänikon dennoch verlassen will, ist nicht nur ein Wort- und Vertragsbruch, es ist eine heftige Ohrfeige für den Bauernkanton Thurgau, der mit seiner Swiss Future Farm letztlich alleine dastehen würde.

Forschung soll dort betrieben werden, wo ihre Erkenntnisse nützlich sind. Für den Thurgau gilt das vor allem für den Obstbau und die Milchproduktion. Jeder zwölfte Liter Milch dieses Landes wird im Thurgau gemolken. Auch andere Forschungsstandorte haben gewichtige Argumente gegen eine Schliessung. Etwa die geschichtsträchtige Forschungsanstalt in Wädenswil. Und die Aprikosenbäume stehen nun mal im Wallis, nicht in Freiburg.

Mit dem Lichterlöschen an den Standorten in den Kantonen Thurgau, Bern, Tessin, Waadt, Wallis und Zürich geht für immer viel Wissen verloren. Für die Agroscope-Mitarbeiter ist klar: Wer von den betroffenen rund 600 Mitarbeitern künftig nicht ins Freiburgische pendeln oder umziehen will, sucht sich jetzt einen neuen Job. Schneider-Ammanns Politik der verbrannten Erde verwandelt die fruchtbare Schweizer Landschaft der Agrarforschung in ein Ödland. Deshalb müssen seine Pläne bachab geschickt werden. Sie lassen sich auch nicht mit dem helvetischen Geist der Dezen­tralisierung vereinbaren, der ausgewogenen Verteilung von Macht, Kompetenzen und Ressourcen.

Zwar will der Bundesrat erst im Sommer abschliessend festlegen, wie rigide er Agroscope tatsächlich umpflügen wird. Vielleicht hat er einen derart radikalen Plan vorgestellt, um dann in jenen Regionen mit besonders heftigem Widerstand zurückkrebsen zu können. Der Thurgau sucht sich deshalb besser bereits heute statt erst morgen Verbündete, um entschieden für den einzigen Ostschweizer Agroscope-Forschungsstandort einzustehen. Denn der Kanton Freiburg hat dem Wirtschaftsminister den roten Teppich ausgerollt. In Posieux kann er sich ins gemachte Nest setzen. Die Freiburger legen 65,8 Millionen Franken bereit, um ihren Forschungsstandort nach den Wünschen des Bundes aufzurüsten. Unter diesen Voraussetzungen dürfte Schneider-Ammann mit seinen Abbauplänen im Bundesrat problemlos eine Mehrheit hinter sich scharen. Spätestens nach seiner Videobotschaft läuten in den anderen Landesteilen die Alarmglocken.

Die Digitalisierung macht vor der Stalltür nicht Halt. Sie zwingt die unter Dauerstress stehende Landwirtschaft zum Umbruch. Dadurch ist diese mehr denn je auf die Forschung angewiesen. Das verlangt das Zusammenspiel zwischen Wissenschaft und Praxis. Beide müssen näher zusammenrücken, statt sich voneinander zu entfernen.

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