Die Forschung scheidet die Geister

Anders als seinerzeit die Lehrerseminare müssen die Pädagogischen Hochschulen nicht nur lehren, sondern auch forschen. Doch wie viel? Die Ostschweizer Lehrstätten haben es geschafft, dem Streit darüber auszuweichen.

Richard Clavadetscher
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Priska Sieber, Rektorin der Pädagogischen Hochschule Thurgau. (Archivbild: Reto Martin)

Priska Sieber, Rektorin der Pädagogischen Hochschule Thurgau. (Archivbild: Reto Martin)

Jeder zweite Dozierende der Pädagogischen Hochschule (PH) Nordwestschweiz möchte dieser Ausbildungsstätte möglichst schnell entkommen, gar zwei Drittel von ihnen sind unzufrieden mit der Schule. Dies hat die NZZ am Sonntag kürzlich gemeldet. Sie bezog sich auf eine Mitarbeiterumfrage. Insbesondere beklagten Dozierende ein Missverhältnis von Lehre und Forschung. Die «Pseudo-Forschung» an der PH führe zu «einem Qualitätsverlust bei der Lehrerausbildung».

Behutsames Vorgehen

Pädagogische Hochschulen sind in der Schweiz mehr oder minder identisch aufgebaut. Richtlinien sind dabei die «Empfehlungen» der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK). Und deshalb stellt sich die Frage, weshalb es denn an der PH Nordwestschweiz rumort – nicht aber an jenen in der Ostschweiz, in St. Gallen und dem Thurgau also.

«Wir führen die einzelnen Teilbereiche eben sehr behutsam zusammen», sagt Priska Sieber, Rektorin der PH Thurgau, auf die entsprechende Frage. Auch Erwin Beck, Rektor der St. Galler PH, äussert sich in diese Richtung. Man habe eine hohe Wertschätzung für alle Dozierenden – egal, wie sie tätig seien. Beide sagen dies ausdrücklich «unabhängig von dem, was in den Medien über die PH Nordwestschweiz zu lesen ist».

Was die beiden Ostschweizer PH-Rektoren mit so viel Zurückhaltung ansprechen, sorgt bei der heutigen Lehrerausbildung in der Tat für Konfliktstoff. Strittig sind vor allem Stellenwert und Verhältnis der eigentlichen Lehrerausbildung im Vergleich zur Forschung. Vereinfacht gesagt: Wie viel Forschung braucht es an einer Pädagogischen Hochschule? Oder radikaler: Braucht es sie überhaupt? Insbesondere Traditionalisten sehen diesen Bereich kritisch.

Für das Gezerre zwischen Lehre und Forschung können die PH selber am allerwenigsten, denn sie haben sich ihren Auftrag nicht selbst formuliert. Was sie anzubieten haben, hat die EDK festgehalten. Danach sind diese Hochschulen nicht mehr nur für die Grundausbildung angehender Lehrpersonen zuständig – wie früher die Lehrerseminare. Zu ihrem Aufgabenbereich gehört neben der Fort- und Weiterbildung von Lehrpersonen auch die «berufsfeldbezogene Forschung». Der Umfang des Forschungsteils sollte mindestens zehn Prozent des ganzen Aufgabenbereichs betragen. Darauf haben sich die Schweizer PH-Rektoren geeinigt. Die PH Nordwestschweiz kommt auf 13 Prozent, die Thurgauer und St. Galler liegen deutlich darunter: bei sechs bis sieben Prozent. Der Streit um den Stellenwert der «berufsfeldbezogenen Forschung» an den PH ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass die heutige Lehrerausbildung immer noch relativ neu ist – nämlich gerade mal ein Jahrzehnt alt. Das bedeutet auch, dass etliches noch «im Stadium des Aufwuchses» und manches noch nicht in Stein gemeisselt ist. Früher war es klar: In pädagogischer Richtung geforscht wurde an den Universitäten, die Lehrerseminare kümmerten sich um die Ausbildung angehender Lehrkräfte.

Forschung gibt Image

Heute wird nun eben auch an den PH geforscht. Zwar schauen alle PH darauf, dass diese Forschung praxisnah ist und im Ergebnis der Lehrerausbildung und dem (Volksschul-)Unterricht zugutekommt. Damit aber hat es sich auch schon mit der Einheitlichkeit. Weil Forschung für eine Hochschule immer auch Imageträger ist, widerstehen einige PH ganz offensichtlich der Versuchung nicht, sie etwas gar stark zu fördern. Nun haben die PH mit der Neuorganisation der Lehrerausbildung fast immer auch Seminarlehrer übernommen. Diese sind nicht alle das Forschen gewohnt. Und so besteht die Gefahr einer Zweiklassengesellschaft: Dozierende, die nur oder fast nur lehren, daneben Dozierende, die neben der Lehre auch in grösserem Umfang forschen.

Hier scheint der Konflikt an der PH Nordwestschweiz seinen Ursprung zu haben, während die beiden Ostschweizer PH ihn nicht haben aufbrechen lassen. Mit den Worten von Rektorin Priska Sieber war man hier eben «behutsam genug».

Austausch wichtig

In der Praxis bedeutet dies eben neben «Wertschätzung» (Rektor Beck) aller Dozierenden unabhängig ihrer beruflichen Herkunft auch, dass die Schulleitung beharrlich daran arbeitet, dass sich die Dozierenden austauschen, was dem Entstehen einer Zweiklassengesellschaft entgegenwirkt. In der Ostschweiz scheint dies zu gelingen. So erinnert sich Beck etwa an eine «sensationelle Veranstaltung», die exakt den Austausch von Forschung und Lehre zum Inhalt hatte.

Dass Konflikte wie jene an der PH Nordwestschweiz nicht auch an den beiden Ostschweizer PH aufgebrochen sind, liegt aber sicher auch noch an zwei Besonderheiten dieser Schulen: Die PH St. Gallen etwa ist nämlich bereits so etwas wie forschungserprobt. «Es ist nun 30 Jahre her, als ich an der PH-Vorgängerin PHSG vom Regierungsrat den Auftrag bekam, eine Forschungsstelle aufzubauen», erinnert sich Rektor Beck. Das heisst wohl, dass er sich schon damals mit manchen Problemen auseinandersetzte, die heute für etliche PH-Rektoren neu sind. Die in Kreuzlingen domizilierte PH Thurgau wiederum profitiert von der nahegelegenen Universität Konstanz, die «zwei Brückenlehrstühle der PH Thurgau» betreibt, was wohl ähnliche Auswirkungen hat wie in St. Gallen.

«Pseudo-Forschung» wird übrigens weder an den beiden Ostschweizer Lehrstätten noch an der PH Nordwestschweiz betrieben. Dafür bürgt der Nationalfonds. Alle drei Lehrstätten haben nämlich von ihm unterstützte Projekte laufen. Der Nationalfonds ist bekannt dafür, dass er sehr genau hinschaut, bevor er Gelder spricht.

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