«Die Fische haben wieder Nahrung»

Das Hochwasser hat viele Nährstoffe in den Bodensee geschwemmt. Schon jetzt zappeln deshalb wieder deutlich mehr Fische in den Netzen. Berufsfischer Reto Leuch sieht die Theorie seiner Berufskollegen bestätigt, dass ein Phosphat-Management schnelle Erfolge erzielen würde.

Silvan Meile
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Berufsfischer Reto Leuch zieht am Morgen die gefangenen Fische auf sein Boot. (Bild: Nana do Carmo)

Berufsfischer Reto Leuch zieht am Morgen die gefangenen Fische auf sein Boot. (Bild: Nana do Carmo)

Herr Leuch, hat das Hochwasser im Juni die Sorgen der Berufsfischer weggespült?

Reto Leuch: Es hat uns den Sommer gerettet und führt zu einer Entlastung der sehr angespannten Situation mit katastrophalen Fangerträgen. Mit den grossen Wassermassen gelangten wieder einmal vermehrt Nährstoffe in den Bodensee. Und das genau zur richtigen Zeit. Die Fische, insbesondere die Felchen, haben wieder Futter, ihre Mägen sind endlich wieder gefüllt.

Kann nun der Bedarf der Seerestaurants an Bodenseefischen aus Wildfang gedeckt werden?

Leuch: Die Nachfrage ist riesig. Wir bringen unsere Fische auf jeden Fall los.

Im vergangenen Jahr vermeldeten die Berufsfischer rund um den Bodensee das schlechteste Fangjahr seit dem Jahre 1917. Wie gut wird nun 2016?

Leuch: Eine Prognose mit Zahlen kann ich derzeit keine abgeben. Bis im Frühling waren auch die Erträge im aktuellen Jahr weiter rückläufig. Durch das Hochwasser hat sich die Lage aber spürbar verbessert. Jetzt fangen wir plötzlich wieder Fische. Wie lange das anhält, kann ich aber nicht sagen. Wenn beispielsweise die Kieselalgenblüte wieder so stark auftritt wie im vergangenen Juli und August, dann verschlechtert sich die Situation schnell. Sie trübt die Wasseroberfläche und lässt weniger Licht durch. Das verhindert die Produktion des tierischen Planktons, der Nahrungsgrundlage der Felchen.

Seit Jahren fordern die Berufsfischer ein Phosphat-Management für den Bodensee. Das Juni-Hochwasser zeigt offensichtlich, wie überraschend schnell sich die Fischbestände tatsächlich vergrössern können.

Leuch: Unsere Kritiker sagten immer, das würde Jahre dauern. Die Auswirkungen des Hochwassers bestärken jedoch die Theorie von uns Berufsfischern. Wir fordern in einem Strategiepapier, im Sommer über die Kläranlagen weniger Phosphat auszufällen und dadurch mehr Nährstoffe in die oberen Wasserschichten des Sees einzuleiten, statt sie in sehr tiefen Lagen fliessen zu lassen, wie das heute gemacht wird. Die Nährstoffe für die Fische zur richtigen Zeit am richtigen Ort, ist unsere Idee. Das würde sehr viel bringen. Denn wenn die Nährstoffe auf den Seegrund in die unproduktive Schicht absinken, kann sich in der lichtarmen Tiefe kein Plankton bilden. Ich vermute, die Felchenbestände sind nicht derart stark zurückgegangen, wie die Fangzahlen vermuten lassen. Die Fische bleiben aber in den Tiefen des Sees, um Energie zu sparen.

Wie viel Sorgen bereitet der Stichling, der sich explosionsartig vermehrt und den Laich der Speisefische sowie deren Nahrung frisst?

Leuch: Der hat bestimmt Einfluss. Ich glaube aber, er kommt nicht in allen Seeregionen gleich stark vor.

Ein weiteres Problem sehen die Fischer beim Zufluss des Rheins?

Leuch: Das grösste Problem sind die Verbauungen im Rheintal. Der Rhein brachte immer wieder Nährstoffe in den Bodensee. Durch die Kanalisierung fliesst dieser Fluss aber schneller und lässt das Wasser nicht genug aufwärmen. Das kalte Wasser – und damit auch die mitgebrachten Nährstoffe – sinken bei der Mündung sofort ab. Aufgrund des fehlenden Nahrungsangebots kommen auch die Fische nicht mehr an die Wasseroberfläche.

Vor einem Jahr trugen Sie Ihr Anliegen in Bern vor Bundespolitikern vor. Was ist daraus geworden?

Leuch: Die St. Galler Nationalrätin Claudia Friedl hat ihr Postulat «Standortbestimmung zur Fischerei in Schweizer Seen und Fliessgewässern» an der Parlamentssitzung vom 16. Juni zugunsten der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie des Nationalrates zurückgezogen. Im Herbst beginnt dadurch das Bundesamt für Umwelt einen Bericht mit Fragestellungen und Szenarien einer künftigen Berufsfischerei auszuarbeiten. Darin werden auch Phosphat und Wirtschaftlichkeit beleuchtet. Es geht also was. Wir wenigen Berufsfischer werden ernst genommen, obwohl wir keine Lobby haben. Das macht wieder Mut.