Die fast vergessene Arbeitswelt der Frau

DIESSENHOFEN. Wenn das Diessenhofer Schaudepot seine Pforten öffnet, ist ihm stets ein Besucheransturm gewiss. So wie am Wochenende, als die neue Abteilung mit über 1500 Besuchern eingeweiht wurde. Sie zogen den Hut vor dem Tagewerk der Frau im 19. Jahrhundert.

Ernst Hunkeler
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Kurator Peter Bretscher (rechts) erläutert eines der Prunkstücke: Eine Nähmaschine, die ein Ziegelei-Arbeiter in Istighofen kurz vor 1900 selber baute. (Bilder: Ernst Hunkeler)

Kurator Peter Bretscher (rechts) erläutert eines der Prunkstücke: Eine Nähmaschine, die ein Ziegelei-Arbeiter in Istighofen kurz vor 1900 selber baute. (Bilder: Ernst Hunkeler)

DIESSENHOFEN. «Frau schafft – häusliche Arbeit im 19. Jahrhundert» ist das Motto des neuen Sektors, der den bisher ungenutzten ersten Stock des Schaudepots einnimmt. Er ergänzt die bisherigen drei Etagen mit den Themen Obst und Weinbau, Transport, Forstwirtschaft, Handwerk und Gewerbe sowie Landwirtschaft und setzt diesen Abteilungen durch die Aspekte der fraulichen Arbeit gleichsam die Krone auf.

Das Sofa ist bis heute geblieben

«In meinem Kopf hat diese Ausstellung schon seit 15 Jahren existiert», meint Kurator Peter Bretscher. «Realisiert haben wir sie innerhalb der vergangenen neun Monate.» Und es ist eine ebenso liebevoll wie fachkundig gestaltete Welt geworden, in der man unweigerlich den Hut zieht vor dem Tagewerk, das viele Frauen noch im 19. Jahrhundert und bis etwa 1950 zu bewältigen hatten. Auf diese Zeit sind die Schwerpunkte ausgerichtet.

Den Ausstellungsmachern vom Historischen Museum Thurgau ist es trefflich gelungen, einerseits die Entwicklung innerhalb dieser anderthalb Jahrhunderte darzustellen, andererseits aber auch Schlaglichter auf entstandene Trends zu richten, die noch heute gelten. Etwa auf das Sofa, das im 19. Jahrhundert Einzug in die Stuben hielt. Im Schaudepot steht es in einer Schreibstube gleichsam als Kontrapunkt zum Pult mit einer urtümlichen Schreibmaschine darauf. Das Sofa gibt es heute noch – die Schreibmaschine als PC-Tastatur.

Die Bereiche der Hausfrauen sind im Schaudepot in übersichtlichen Räumen oder Nischen installiert, die auch als Bad, Küche, Schlafzimmer und natürlich als Arbeitsstätten eingerichtet sind. Sie sind mit originalen Möbeln und Geräten ausstaffiert, die den Besuchern manches «Ah?» und «Oh!» entlockten, wenn sie ein Requisit seiner Aufgabe zuordnen konnten oder es von Peter Bretscher erläutert bekamen.

Über die Schultern geschaut

Selbstverständlich sind auch die Handwerksgeräte der bäuerlichen Damenwelt lückenlos vertreten. So wird etwa der Weg des Flachses vom Brechen bis hin zum Spinnen und Weben mit den zugehörigen Gerätschaften dargestellt, wobei diese während der Tage der offenen Türen von Frauen, die das Spinnen und Weben immer noch aktiv betreiben, bedient wurden. Neben Spinnerin und Weberin sassen an hellen Fensterplätzen eine Klöpplerin und eine Stickerin, die sich ebenfalls über die Schultern schauen liessen und bereitwillig Einblick in die längst vergessenen Geheimnisse der Metiers gewährten.

Optisch und akustisch bereichert wurde das Schaudepot-Event übrigens durch das Agglofolk-Duo Zweidieter mit seiner auf die Jetztzeit ausgerichteten Volksmusik und einem Traktoren-Corso der «Freunde alter Landmaschinen».

Sybill Boller aus Eschikofen an ihrem Spinnrad.

Sybill Boller aus Eschikofen an ihrem Spinnrad.

Die Ausstellung zeigt auch eine Küche aus vergangenen Tagen.

Die Ausstellung zeigt auch eine Küche aus vergangenen Tagen.