Die Entlassung des Lehrers S.

Im Streit um die Entlassung eines Lehrers an der Kantonsschule Sargans hat der Rektor seine Dienstpflicht verletzt. Zu diesem Schluss kommt ein Untersuchungsbericht. Kritisiert wird aber auch der betroffene Lehrer, der mittlerweile in einem anderen Kanton arbeitet.

Markus Rohner
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Die Kantonsschule Sargans. (Bild: Ralph Ribi)

Die Kantonsschule Sargans. (Bild: Ralph Ribi)

SARGANS. Der Fall S. an der Kantonsschule Sargans schwelt seit Jahren. Dem Mathematiklehrer wurde von der Schulleitung immer wieder der Vorwurf gemacht, er führe einen zu anspruchsvollen und methodisch-didaktisch umstrittenen Unterricht. Auch als der Fall zu eskalieren drohte, war die Schulleitung nicht bereit, einem Runden Tisch mit Leuten zuzustimmen, die den Unterricht des Lehrers hätten beurteilen können. Rektor Stephan Wurster stellte dem damals 57jährigen Lehrer die Kündigung in Aussicht, wenn dieser nicht von sich aus einen Antrag zu einer Frühpensionierung mit 60 stellen werde – was diesen im Februar 2014 in einen Nervenzusammenbruch trieb.

Erst als der Fall in die Öffentlichkeit getragen worden war und dort für viel Aufsehen sorgte, stimmte der St. Galler Bildungsdirektor Stefan Kölliker im August 2015 einer von S. seit langem geforderten Administrativuntersuchung gegen sich und den Rektor zu. Mit der Untersuchung beauftragt wurde der ehemalige Präsident des St. Galler Versicherungsgerichts, Martin Rutishauser.

Ein E-Mail sorgt für Ärger

Der Lehrer machte seinem Rektor unter anderem den Vorwurf, von ihm während Jahren gemobbt worden zu sein. Der Untersuchungsbericht kommt nun zu einem anderen Schluss: Die Tatsache, dass der Lehrer in den letzten Jahren weder bei offiziellen noch inoffiziellen Stellen diesen Vorwurf deponiert und auch keine Anstalten gemacht habe, seinen Arbeitsort zu wechseln, spräche nicht dafür, dass sich S. über all die Jahre von seinem Vorgesetzten ungerecht behandelt gefühlt habe. Auch den Vorwurf des Amtsmissbrauchs, begangen durch das bewusste Ausnutzen seiner Macht- und Vorgesetztenstellung, wollte der Untersuchende nicht bestätigen.

Hingegen rügt Rutishauser den Rektor wegen mehrfacher Verletzung der allgemeinen Fürsorgepflicht. Besonders gravierend war ein Mail, das Wurster an die Mutter eines zukünftigen Schülers schickte und darin die angeblichen Probleme mit Lehrer S. erwähnte. Darin wurden Eltern und Schüler aufgefordert, Negativmeldungen über den Lehrer direkt an die Schulleitung zu richten. Zudem hat es der Rektor unterlassen, eine gegen S. gerichtete Schmiererei an der Schulwand rechtzeitig zu beseitigen, um dessen öffentliche Blossstellung zu verhindern.

Nachlässige Dossierführung

Kritik von Rutishauser an die Adresse des Rektors gibt es auch im Bereich Datenschutz. Das Personaldossier von S. verstosse in verschiedener Hinsicht gegen Bestimmungen des kantonalen Datenschutzes und müsse als Dienstpflichtverletzung qualifiziert werden. Aufgrund des unsystematischen Vorgehens seien eher S. belastende Akten in die Dossiers gewandert, während entlastende Papiere unberücksichtigt geblieben seien. Dem Lehrer sei zudem die Einsichtnahme in sein Personaldossier konsequent verweigert worden. Eine generell einseitige, unvollständige und intransparente Aktenführung will Rutishauser allerdings keine festgestellt haben.

Und welche «Vergehen» hat sich der Lehrer zuschulden kommen lassen? Wie zuvor ein Experte kommt die Administrativuntersuchung zum Schluss, dass S. ein fachlich kompetenter Lehrer ist. So habe dieser denn auch seine Pflichten gemäss Personalrecht nicht verletzt. Attestiert wird ihm auch ein grosses Engagement über seinen Berufsauftrag hinaus. Hauptstreitpunkt bleibt dessen Unterrichtsgestaltung: Hier zieht Rutishauser das Fazit, dass der Unterricht in pädagogisch-methodischer Sicht für «einen erheblichen Teil der Schülerinnen und Schüler» nicht genügt habe. Aus diesem Grund sei S. «eine Verletzung seiner Pflichten aus dem Arbeitsverhältnis, insbesondere seiner Lehr- und Erziehungspflicht sowie der Pflichten aus dem Berufsauftrag der Mittelschul-Lehrpersonen» vorzuwerfen.

Die Frage der Unabhängigkeit

Martin Rutishauser, ein HSG-Ökonom mit juristischer Ausbildung, arbeitete viele Jahre im Rechtsdienst des Erziehungsdepartements. Heute noch erfüllt der 68-Jährige als Leiter der Rekurskommission Volksschule St. Gallen-Rorschach Aufgaben innerhalb des Departements. Im Interesse eines beschleunigten Verfahrens akzeptierten der Lehrer und sein Anwalt Rutishauser als Leiter der Administrativuntersuchung. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass zwingend eine unabhängige Fachperson aus den Bereichen Mathematik und Pädagogik gleichberechtigt ins Verfahren miteinbezogen werde. Diese Möglichkeit wurde Rutishauser von Regierungsrat Kölliker im Auftrag explizit eingeräumt. Davon Gebrauch gemacht hat der Untersuchende allerdings nur marginal – und in einer seltsamen Art: Nach einem ersten Briefwechsel im Oktober 2015 nahm Rutishauser Anfang 2016 per Mail noch einmal mit jenem Experten Kontakt auf, der 2013 vom Rektor beauftragt worden war, Schülerhefte von S. zu begutachten. Das Fazit von ETH-Professor Norbert Hungerbühler war für den Lehrer positiv ausgefallen. Ihm wurde ein zwar anspruchsvoller, aber schülergerechter Unterricht «von besonders guter Qualität» attestiert.

Zu viele Unterstellungen

In seinem Mail stellte Rutishauser dem Experten schon fast inquisitorische Fragen. Dieser sollte Auskunft geben über gemeinsame Mitgliedschaften von Hungerbühler und S. in Fachorganisationen (die es nie gab), über ein Referat von S. an dem von Hungerbühler mitorganisierten «Schweizerischen Tag über Mathematik und Unterricht» oder dessen Fünf-Sterne-Wertung für ein Buch von S. (beides hat lange nach dem Gutachten stattgefunden).

Für den Befragten waren dies ein paar Unterstellungen zu viel. «Wenn nun schon auf solchem Weg versucht wird, mein Gutachten und meine Integrität zu diskreditieren, finde ich das unsachlich, unprofessionell und entwürdigend für alle», schrieb er am 7. Januar an den Untersuchenden. Ihm sei zudem nicht klar, was für ein Argument hier konstruiert werden soll, indem diese Fragen zum jetzigen Zeitpunkt gestellt würden. «Meine Antworten können so oder so nicht rückwirkend die Handlungsweise des Rektors rechtfertigen, meine Empfehlungen ignoriert zu haben.» Er müsse also andere Gründe gehabt haben. «Allerdings können diese kaum stichhaltig gewesen sein, wenn nun versucht wird, mein Gutachten zu untergraben», schrieb Hungerbühler an Rutishauser.

Nachdem im April ein Arztzeugnis den Lehrer wieder zu 80 Prozent arbeitsfähig geschrieben hatte, flatterte bei ihm Tage später die Kündigung ins Haus. Stephan Wurster dagegen konnte am 20. Mai im «Sarganserländer» frohlocken: «Der Erziehungsrat hat mich gestern turnusgemäss als Rektor wiedergewählt und mir damit das Vertrauen ausgesprochen.»

Lehrer kämpft weiter

Auch wenn der Fall S. für das Bildungsdepartement abgeschlossen ist, er beschäftigt mehrere Gerichte weiter. Vor dem Untersuchungsrichteramt Uznach ist ein Strafverfahren gegen Rektor Wurster wegen Amtsmissbrauch und Verletzung des Amtsgeheimnisses hängig. Zudem prüft die Anklagekammer derzeit weitere Klagen, unter anderem wegen Verstosses gegen die Fürsorgepflicht und das Datenschutzgesetz. Das Verwaltungsgericht wird voraussichtlich darüber befinden müssen, wie hoch der Beitrag des Kantons an die Anwaltskosten von S. sein wird und ob der Lehrer wegen der seiner Ansicht nach ungerechtfertigten Entlassung eine Entschädigung von mehreren Monatslöhnen erhält.

Heute hat der Lehrer beruflich mit dem Kanton St. Gallen nichts mehr zu tun. Seit wenigen Wochen arbeitet er wieder als Mathematiklehrer an einem ausserkantonalen Gymnasium.

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