Die Chrampfer, ihr Bacalhau und Futebol

Ofutebol é religião.» Fussball ist Religion. Im Fernsehen läuft an diesem Montag die Ehrung der neuen Fussball-Europameister. Schon seit Stunden und auf allen portugiesischen Privatsendern, die es bei Familie Moura gibt. Am Vorabend konnte Antonio Moura nicht mitfeiern. Nachtschicht.

Mathias Frei
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Nach dem EM-Final vergangenen Sonntag: Portugiesen feiern auf dem Frauenfelder Postplatz ihren Titel. (Bild: Chris Marty/frauenfeld-events.ch)

Nach dem EM-Final vergangenen Sonntag: Portugiesen feiern auf dem Frauenfelder Postplatz ihren Titel. (Bild: Chris Marty/frauenfeld-events.ch)

Ofutebol é religião.» Fussball ist Religion. Im Fernsehen läuft an diesem Montag die Ehrung der neuen Fussball-Europameister. Schon seit Stunden und auf allen portugiesischen Privatsendern, die es bei Familie Moura gibt. Am Vorabend konnte Antonio Moura nicht mitfeiern. Nachtschicht. Er bereut es immer noch, dass er mit einer Arbeitskollegin abgetauscht hat. «Aber wer hätte nach dieser Vorrunde schon erwartet, dass wir ins Finale kommen», sagt Moura. Der 32-Jährige ist einer von 1200 Portugiesen, die in Frauenfeld leben.

Frauenfelds Portugiesen sind sesshaft geworden. Aber feiern können sie immer noch. Am Sonntag machten sie auf dem Postplatz die Nacht zum Tag. Als Moura in Portugal seine Hochzeit feierte, begann das Fest am Mittag und endete am nächsten Morgen mit einem Spanferkel. Dafür hätten es Portugiesen nicht so mit der Pünktlichkeit. Da ist er Schweizer. Er stört sich an unpünktlichen Menschen.

Im Herzen auch Schweizer

Mouras Vater kam 1983 als Saisonnier nach Frauenfeld zu Müller Gleisbau. «In Portugal fand er keine Arbeit, der Wirtschaft ging es gleich schlecht wie heute.» Acht Jahre später kam die Familie nach. «Im Pass bin ich Portugiese, im Herzen bin ich auch Schweizer», sagt Antonio Moura.

Reto Ghirardi, Geschäftsleitungsmitglied bei der Firma Müller Gleisbau und zuständig für die Bauabteilung, erinnert sich gut an die portugiesischen Saisonniers. Ghirardi arbeitet seit 1988 bei Müller Gleisbau. Bis Ende der 1970er-Jahre kamen die Italiener, dann die Portugiesen. Und das seien äusserst tüchtige Leute gewesen. «Wir haben nur gute Erfahrungen mit Portugiesen gemacht.» Müller senior sei auch selber hinuntergefahren, um Arbeitskräfte anzuwerben. Wer nach Frauenfeld kam, zog Verwandte und Bekannte nach. Der Vorteil sei gewesen, dass die Neuen von ihren Landsleuten betreut worden seien. Und wer jemanden nachgezogen habe, ob Cousin oder Schwager, der habe für den Neuen gebürgt. Auch in der Hero fanden viele Arbeit oder beim Gemüsler Kellermann.

Fast die komplette Familie von Antonio Moura lebt in Frauenfeld, Onkel und Tanten. «Bei uns bedeutet die Familie alles.» Moura stammt aus dem Norden Portugals, Vila Real. Viele Frauenfelder Portugiesen kommen von dort. Moura erzählt von einem portugiesischen Sprichwort: Den Fussballclub und die Frau behält man ein Leben lang. Moura ist verheiratet, hat zwei Kinder. Sein Onkel brachte ihn zum FC Porto. Obwohl viele Portugiesen die Hauptstadt-Vereine unterstützen. «Ich bin nicht patriotisch, aber der EM-Titel macht mich stolz», sagt Moura. In der heutigen Zeit tue das der portugiesischen Moral gut.

Mehr als nur Portwein

Nicht nur der portugiesische Fussball ist im Aufwind, sondern auch der Wein. Früher habe man nur den Portwein gekannt, den die Engländer bekannt machten, sagt der Frauenfelder Weinhändler Frank Beck, der auch portugiesischen Wein führt. Vor 20 Jahren habe der Export von portugiesischen Rot- und Weissweinen seinen Anfang genommen. «Im vergangenen Jahrzehnt haben die Weine qualitativ stark zugelegt.» Beck hat die Hauptanbaugebiete im Angebot: das Alto Douro, das im Norden gelegene Douro-Flusstal ab der spanischen Grenze, und das Alentejo im Süden. Charakteristisch seien die autochthonen, also alten Rebsorten. Trendweine.

Bis vor knapp zehn Jahren sassen Portugiesen bei einem Glas Wein im Centro Cultural e Recreativo Portugues zusammen. Der portugiesische Verein hatte sein Lokal lange im Bollaggebäude an der St. Gallerstrasse, davor an der Thurstrasse. Der Verein galt als grösster Schweizer Portugiesenclub. Dann brach der Verein auseinander. Wieso, das weiss heute niemand mehr. Heutzutage sind die Portugiesen weniger organisiert. Es gibt kleine Lädeli in Frauenfeld, man trifft sich in den portugiesischen Restaurants Formula Uno (früher «Sennhütte»), Piri-Piri (früher «Einkehr») und Rebstock. Susana Fonseca war früher auch aktiv im Centro. «Es gab eine Disco, eine Volkstanzgruppe, einen Fussballclub und vieles mehr», erinnert sie sich gerne zurück. Heute hat die 38-Jährige einen Ehemann und drei Kinder, ab und zu geht sie noch ins «Piri-Piri». Tagesmenü an diesem Dienstagmittag: «Arroz de marisco», Reis mit Meeresfrüchten. Fonseca lobt den Guezlikuchen des «Piri-Piri». Und vom Nationalgericht Bacalhau, dem Stockfisch, gibt es so viele Rezepte, wie es portugiesische Hausfrauen gibt, heisst es.

Die Fremdenpolizei vor der Tür

Im November 1988 kam Susana Fonseca von Porto ins kalte Frauenfeld. Ihr Vater hatte da schon ein Jahr bei Kellermann gearbeitet. Ein Bekannter hatte ihm Frauenfeld empfohlen. Die Firma Kellermann hatte die erste Wohnung vermittelt. Die Fremdenpolizei stand schnell vor der Tür, erinnert sich Susana Fonseca, die sich damals mitten im vierten Schuljahr auf die zweitägige Carreise in die Schweiz machen musste. Erwachsene Portugiesen, die in den Achtzigern kamen, hatten oft nur vier Schuljahre hinter sich. Es gebe ältere Portugiesen, die seit 30 Jahren in der Schweiz lebten, aber nur schlecht Deutsch sprechen. Mittlerweile dauere die obligatorische Schulzeit zwölf Jahre, sagt Fonseca. Das biete den jungen Portugiesen mehr Chancen. Susana Fonseca arbeitet in einer Frühförderungs-Arbeitsgruppe von Stadt und Schulgemeinde mit. Über den Unterricht in heimatlicher Sprache und Kultur der Kinder, früher Portugiesenschule genannt, finde man Zugang zu den Eltern, sagt sie. «Zuerst muss man die Muttersprache beherrschen, dann kann man eine Fremdsprache lernen», ist ihre Meinung. Antonio Moura übersetzt für Landsleute Portugiesisch-Deutsch. Fonseca und Moura gehören zur neuen Generation. Sie sind glücklich in Frauenfeld. Portugal: Das ist für sie Heimat, aber noch mehr Ferienland. Nur den Fussball werden sie nicht los: «unidos pela nossa Seleção», vereinigt durch unser Team.

Im portugiesischen Restaurant Piri-Piri: Susana Fonseca. (Bild: Mathias Frei)

Im portugiesischen Restaurant Piri-Piri: Susana Fonseca. (Bild: Mathias Frei)

Familie Moura daheim: Papa Antonio, Sara, Mama Milena und Miguel. (Bild: Mathias Frei)

Familie Moura daheim: Papa Antonio, Sara, Mama Milena und Miguel. (Bild: Mathias Frei)