Die Berge höher als die Steuern

Grüppchenweise streben die Gäste dem Festzelt zu, das beim Speckhof steht. Der Sommerabend ist lau, der Ausblick phantastisch. Zu Füssen liegt Stein am Rhein, rechts der Untersee, und links erheben sich die Hegauberge.

Gudrun Enders
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Grüppchenweise streben die Gäste dem Festzelt zu, das beim Speckhof steht. Der Sommerabend ist lau, der Ausblick phantastisch. Zu Füssen liegt Stein am Rhein, rechts der Untersee, und links erheben sich die Hegauberge. Eine Familie trägt gleich mehrere Tüten mit sich, aus der die Holzstäbe der Feuerwerkskörper herausschauen. Velos lehnen an Obstbäumen. Im Zelt sitzen grob geschätzt 450 Menschen, Einwohner der Gemeinde Wagenhausen. Der Service trägt Bratwürste, Schwarzwälder-Kirschtorte oder auch Rivella zu den Tischen. Kinder springen herum, lassen vor dem Festzelt die ersten Chlöpfer los.

Der perfekte Funken

Gemeindepräsident Harry Müller tritt ans Rednerpult. Rote und weisse Gladiolen stehen davor. Es riecht nach Mückenspray. Müller bittet um Ruhe. Er ist gut zu hören, er trägt ein Mikro mit zartem fleischfarbenem Kabel. Müller dankt den Organisatoren. Es ist nicht mehr selbstverständlich, Helfer für die Bundesfeier zu finden. Dieses Jahr haben Gemeinderätin Gabriela Rhyn, Landfrauenpräsidentin Barbara Vetterli und Sportschütze Thomas Weber den Anlass organisiert. Müller zeigt sich besonders stolz über den Funken. Allein die Aussenwände des Holzkegels bestehen aus 40 Baumstämmen. Müller stellt den Festredner vor, Obi-Gründer Manfred Maus. Obi ist weltweit der viertgrösste Baumarktbetrieb. Maus, ebenfalls mit Mikro und fleischfarbenem Kabel ausgerüstet, spricht frei. Er redet erst einmal sich und das Publikum warm, erzählt von seinem Haus in Stein am Rhein, das von dem Architekturbüro von Harry Müller erbaut wurde. Die Gäste erfahren, dass er seit 53 Jahren mit seiner Frau verheiratet ist. Er stammt aus dem nahen Gottmadingen und sei beileibe kein Hegauner, sondern ein Hegauer. Als Maus 1970 seinen ersten Obi-Markt gründete, hiess es, ein Baumarkt sei für Männer da. «Ich musste lernen, dass das nicht wahr ist.» Der Nutzen eines Baumarkts sei das Wohnen, die Domäne der Frau. Weil Blumen zum Wohnen unweigerlich dazugehörten, wollte Maus in seinem Baumarkt Blumen verkaufen. Das werde nie funktionieren, hörte er. Heute macht Obi sieben Milliarden Euro Umsatz, 22 Prozent davon mit Pflanzen.

Wo verteidigen, wo anpassen

Zwar habe er als Unternehmer in den 70er-Jahren den Wandel erkannt, doch der sei nicht mit dem jetzigen, rasanten Wandel zu vergleichen. «Seien Sie stolz auf ihre Heimat. Die Welt verändert sich, und nehmen Sie rechtzeitig wahr, was das für Sie bedeutet.» In Berlin fragten fünf Obi-Mitarbeiter moslemischen Glaubens, ob sie am Arbeitsplatz beten dürften. «Wie viel Respekt bringen wir gegenüber anderen Kulturen auf? Welche Werte verteidigen wir?» Alles Fragen, die sich auch der Schweiz stellen. Dabei ist Maus klar: «Die Schweiz ist das gelobte Land. Es ist das einzige Land, in dem die Berge noch höher sind als die Steuern.»