Die Beiständin ist nicht schuld am Verlust

Während der Finanzkrise schrumpfte das Vermögen eines jungen Mannes, welches seine Beiständin bei einer Grossbank angelegt hatte. Nun hat er sie auf Schadenersatz verklagt. Doch das Gericht fand, seine Betreuerin habe richtig gehandelt und ihr sei keine Schuld nachzuweisen.

Urs Brüschweiler
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KREUZLINGEN. Auf Schadenersatz in der Höhe von knapp 150 000 Franken verklagte ein heute 31jähriger Mann seine ehemalige Beiständin. 2006 war diese von der zuständigen kommunalen Vormundschaftsbehörde als dessen Betreuerin eingesetzt worden. Der junge Mann hatte von seiner verstorbenen Mutter ein Vermögen von 650 000 Franken geerbt. Für einen grossen Teil des Geldes – 430 000 Franken – erteilte die Beiständin 2007 einer Schweizer Grossbank den Auftrag zur Vermögensverwaltung. Als Risikoprofil wählte die Beiständin die zweittiefste von fünf möglichen Stufen mit der Bezeichnung «Einkommensorientiert», welche unter anderem auch einen Anteil an Aktien enthielt.

Im Zuge der Finanzkrise verlor die Anlage dann jedoch in der folgenden Zeit massiv an Wert. Sie bezifferte sich, als die Beiständin 2012 die Betreuung in die Hände eines Nachfolgers übergab, noch bei rund 348 000 Franken. Der Anwalt des Mannes rechnete nun dem Bezirksgericht Kreuzlingen in seiner Klageschrift vor, dass bei einer Anlage in Obligationen im selben Zeitraum mit einem durchschnittlichen Zinssatz von 3,15 Prozent ein Vermögen von fast 500 000 Franken erwirtschaftet worden wäre.

Sorgfaltspflicht verletzt

Der Klägeranwalt machte geltend, dass die Beiständin eine solche Form der Geldanlage nicht hätte tätigen dürfen. Und ausserdem hätten bei ihr spätestens nach den ersten Kontoauszügen alle Alarmglocken schellen sollen. Sie habe ihre rechtliche Sorgfaltspflicht verletzt und sei deshalb zu verpflichten, für den Schaden aufzukommen.

Der Verteidiger der Beiständin betonte, dass seine Mandantin keine Finanzexpertin sei, weshalb es verständlich und richtig gewesen sei, sich an eine Bank zu wenden. Gemäss damals geltendem Recht sei zudem eine «beförderliche» – eine vermehrende – Geldanlage vorgesehen. Er wies auch darauf hin, dass das Vermögen mit einem langen Zeithorizont angelegt worden war und rechnete vor, dass wenn man das Geld bis heute so belassen und nicht abgezogen hätte, sich der Verlust bereits fast wieder ausgeglichen hätte.

Der Markt hätte es ausgebügelt

Das Bezirksgericht folgte mehrheitlich den Ausführungen des Verteidigers und wies die Klage ab. Es sei nachvollziehbar, dass die Beiständin als Nichtfinanzsachverständige» eine anerkannte Bank mit der Vermögensverwaltung beauftragte. Auch die Wahl des Risikoprofils sei vom Recht gedeckt. «Die Strategie war nicht falsch, die Bestimmungen verlangen eine geldvermehrende Anlage.» In Anbetracht des langen Zeithorizonts, hätte man auch warten können, bis der Finanzmarkt den Verlust ausgebügelt hätte. «Wahrscheinlich würde der Entscheid heute wieder ähnlich fallen.» Zudem habe die Beiständin der Vormundschaftsbehörde regelmässig Bericht erstattet, und diese habe dieses Vorgehen getragen. So weit könne der Frau kein fahrlässiges oder absichtliches Verschulden vorgeworfen werden, urteilte das Bezirksgericht.

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