Die Archäologie stochert im Rost

Die toten Eschenzer bekamen vor 1500 Jahren Fellbeutel mit persönlichen Gegenständen mit ins Grab. Das weiss man, weil die Archäologie heute selbst aus dem Rost an alten Schwertern wertvolle Informationen gewinnt.

Christof Widmer
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Restaurator Christoph Müller arbeitet an einem Erdblock, in dem ein Sax und eine Spata, ein Kurz- und ein Langschwert, stecken. (Bild: Reto Martin)

Restaurator Christoph Müller arbeitet an einem Erdblock, in dem ein Sax und eine Spata, ein Kurz- und ein Langschwert, stecken. (Bild: Reto Martin)

FRAUENFELD. Mit einem Zahnstocher schabt Christoph Müller vorsichtig den Dreck weg. Auf dem Tisch des Restaurators liegt ein spezielles «Päckli», wie solche Erdblöcke im Amt für Archäologie genannt werden. Gut erkennbar sind zwei Schwerter, die aus dem Dreck schauen – ein Sax und eine Spata, ein Kurz- und ein Langschwert.

144 «Päckli» haben die Thurgauer Archäologen vor zwei Jahren in Eschenz aus einem Friedhof aus der Zeit zwischen 500 und 700 nach Christus geborgen. Sie haben nicht alle Gegenstände, die sie gefunden haben, gleich aus dem Erdreich gezogen. Wo es sich gelohnt hat, haben sie die Stücke zusammen mit der umgebenden Erde geborgen, in Gips verpackt und anschliessend tiefgefroren, um sie vor Zerfall zu schützen. Jetzt werden die letzten «Päckli» im Amt für Archäologie analysiert.

Spuren im Rost

«Früher ging es darum, ein Fundstück schön präpariert in eine Vitrine legen zu können», sagt Archäologin Simone Benguerel. Dazu wurde es von Dreck und Korrosion befreit. «Heute wissen wir, dass genau in der Korrosionsschicht wertvolle Informationen stecken.» Korrodiert etwa eine Metallklinge, breitet sich der Rost auch ins Leder aus, das die Klinge umgibt. Schliesslich umschliesst er das Material. So bleibt in der Korrosionsschicht die Struktur des organischen Materials erhalten, das selber längst vergangen ist.

Textilmuster im Rost

Auf solche Informationen stösst Restaurator Müller in den «Päckli» zuhauf. Am liebsten arbeitet er mit dem Zahnstocher, weil das Holz nicht zu stark kratzt. So kann er behutsam die informationsreiche Korrosionsschicht freilegen. Was da zum Vorschein kommt, lässt staunen. Ein Teil einer Messerklinge zum Beispiel muss von einem grob gewobenen Stoff umgeben gewesen sein. Das Muster des Stoffs hat sich gut sichtbar in der Korrosionsschicht erhalten. Ob das Messer in einer Stoffscheide steckte, oder ob einfach ein Stück Stoff im Grab über dem Messer lag, lässt sich allerdings nicht mehr rekonstruieren.

Auch Hinweise auf längst zersetzte Kissen, auf die die Toten in den Särgen gebettet waren, sind so zum Vorschein gekommen.

Fellbeutel nachgewiesen

In den Gräbern haben sich so auch Spuren von Lederbeuteln erhalten. Anhand der vorgefundenen Ledermuster könne zum Teil noch rekonstruiert werden, von welchem Tier das Material stammt, sagt Benguerel. Die Restauratoren konnten auch nachweisen, dass einige Beutel mit Fell besetzt waren. Im Rost sind nämlich auch die Haare sichtbar.

Jeder Tote hatte einen solchen Beutel mit persönlichen Gegenständen bei sich. Zur Standardausrüstung der frühmittelalterlichen Eschenzer gehörten neben Messern zum Beispiel Kämme aus Rothirschgeweih. An einem der Kämme sind die Reste einer Klappvorrichtung zu sehen. Damit dürfte nach dem Gebrauch ein Schutz über seine feinen Zähne geklappt worden sein.

«Die Frauen sind in ihrer Sonntagstracht bestattet worden, die Männer als Krieger», sagt Benguerel. In den Frauengräbern sind teils auffallend viele Glasperlen gefunden worden. Sie gehörten zu langen Halsketten. Anhand der Lage der einzelnen Perlen versuchten die Archäologen das Muster zu rekonstruieren. «Die Perlen waren systematisch angeordnet, wie wir das heute auch machen», sagt Benguerel. Die Perlen stammten wohl aus lokaler Produktion. Allerdings wurden auch solche aus Bernstein gefunden. Und in einem Grab tauchte das Haus einer Meeresschnecke auf, die im Mittelmeerraum vorkommt. An ihr ist ein Eisenringlein befestigt, mit dem sie wohl getragen wurde.

Die Männer sind als Krieger bestattet worden – entweder mit einem oder zwei Schwertern oder mit einer Lanze oder mit Pfeil und Bogen. Darauf deuten jedenfalls noch Pfeil- und Lanzenspitzen hin.

Wer waren die Toten?

Benguerel lässt sich nicht auf Spekulationen ein, wer die Toten waren – ob um nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches eingewanderte Alamannen etwa oder um Franken, die die Region im 6. Jahrhundert unter ihre Kontrolle gebracht haben. Auch deutet nichts auf die Religion der Toten hin. Zwar gab es in unmittelbarer Nähe zum Gräberfeld bereits im 6. Jahrhundert eine Kirche im ehemaligen Römerkastell von Stein am Rhein. Dort wurde in Gräbern unter anderem ein Goldblattkreuz gefunden. Vom Eschenzer Friedhof liege aber kein Beleg für die Religionszugehörigkeit der Bestatteten vor, korrigiert Benguerel einen früheren Bericht.

Kein Gewebe, sondern Rost auf der Klinge, der das Muster bewahrt hat. (Bild: pd/Amt für Archäologie)

Kein Gewebe, sondern Rost auf der Klinge, der das Muster bewahrt hat. (Bild: pd/Amt für Archäologie)

In diesem «Erdpäckli» liegt ein frühmittelalterlicher Kamm. (Bild: Reto Martin)

In diesem «Erdpäckli» liegt ein frühmittelalterlicher Kamm. (Bild: Reto Martin)

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