«Die Ansiedlung des Wolfes im Thurgau ist unwahrscheinlich»

Welche Gebiete in der Schweiz eignen sich als Lebensraum für den Wolf? Wo duldet ihn die Bevölkerung? Diesen Fragen sind Gabriele Cozzi und sein Team des Instituts für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften der Universität Zürich nachgegangen.

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Gabriele Cozzi, Evolutionsbiologe der Universität Zürich. (Bild: PD)

Gabriele Cozzi, Evolutionsbiologe der Universität Zürich. (Bild: PD)

Welche Gebiete in der Schweiz eignen sich als Lebensraum für den Wolf? Wo duldet ihn die Bevölkerung? Diesen Fragen sind Gabriele Cozzi und sein Team des Instituts für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften der Universität Zürich nachgegangen. Entstanden ist eine Karte mit Gebieten, in denen sich der Wolf wohlfühlen würde und akzeptiert wäre. Die besten Lebensbedingungen findet der Wolf primär im Jura, in den Bündner Alpen und im Tessin. Der promovierte Evolutionsbiologe sagt, wieso der Wolf – trotz Akzeptanz und geeignetem Lebensraum – in absehbarer Zeit nicht den Hinterthurgau besiedelt.

Gabriele Cozzi, der Wolf hat im Februar und März Schafe im Thurgau gerissen. Ist damit zu rechnen, dass er sich hier ansiedelt?
Das ist eher unwahrscheinlich. Beim angesprochenen Wolf handelt es sich mutmasslich um ein Jungtier, das unterwegs war. Entweder auf der Suche nach Artgenossen oder nach einem möglichen Territorium.

Angesiedelt haben sich ja bisher nur drei Rudel in der Schweiz. Eines im Grenzgebiet zwischen St.Gallen und Graubünden, eines im Tessin und vergangenes Jahr eines im Wallis.
Die Karte Ihrer Studie zeigt aber den südlichen Thurgau als Raum mit idealen Bedingungen für den Wolf.
Die Flecken im Thurgau sind klein und isoliert, daher eignen sie sich nur theoretisch als Lebensraum für Wölfe. Unsere Karte ist grossräumig zu verstehen.

Wo fühlen sich Wölfe denn wohl?
Es gibt zwei zentrale Bedingungen. Eine ist die ökologische. Wichtig für den Wolf ist die verfügbare Nahrung, da sprechen wir primär von Wildtieren wie Rothirschen, Gämsen, Rehen und Wildschweinen. Diese Tiere finden sich hauptsächlich in alpinen oder Waldgebieten, wo sie nicht ständig störenden Einflüssen ausgesetzt sind. Rein ökologisch betrachtet, eignet sich ein Drittel der Schweizer Landfläche als Lebensraum für den Wolf. Die Akzeptanz der Bevölkerung reduziert die Möglichkeiten aber stark.

Das heisst: Der Wolf lässt sich nieder, wo er Nahrung findet und nicht verjagt wird?
Das Zusammenspiel beider Faktoren zeigt, wo der Wolf die besten Lebensbedingungen findet. Er könnte sich zwar auch woanders etablieren, aber das würde schwieriger. In der Schweiz lässt sich Interessantes beobachten. Im Wallis hat die Bildung des ersten Rudels relativ lange gedauert. Obwohl es das Eintrittstor für Wölfe aus Italien und Frankreich ist und beste ökologische Bedingungen bietet. Die langsame Wiederansiedlung könnte mit der relativ starken Bejagung zusammenhängen. Zwischen 1998 und 2015 wurden im Wallis zwölf Abschüsse bewilligt, in acht Fällen wurde ein Tier geschossen. In Graubünden wurde in der gleichen Periode ein Abschuss bewilligt und vollzogen und ein weiteres Tier gewildert. Die Bildung des ersten Rudels ging zügiger voran. Interessant ist auch: Im Wallis gibt es aufgrund der fehlenden Akzeptanz auf unserer Karte keine geeigneten Gebiete, obwohl der Lebensraum ideal wäre. Anders in Graubünden: Dort stimmen ökologische Bedingungen und Akzeptanz überein.

Im Thurgau wurde heuer der erste Wolf nach über 200 Jahren nachgewiesen. Ist es möglich, dass das Wildtier schon früher eine Pfote aufs Kantonsgebiet gesetzt hat?
Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Wolf seit der natürlichen Rückkehr in den 1990er-Jahren einmal durch den Thurgau gestreift ist. Wenn er aber keine Tiere reisst, fällt er niemandem auf. Der Wolf geht Störungen meist aus dem Weg.

Die Wolfsdebatte ist emotional. Welche Aussage macht Ihre Studie hierzu?
Wir haben vor allem gespürt, dass das Thema interessiert. Ein Drittel der Fragebögen, die wir an 10000 Personen geschickt haben, kam zurück. Dies ist viel mehr als erwartet. Eine übliche Rücklaufquote liegt bei 20 Prozent.

Verschwindet die Studie nun in der Schublade?
Wir wollen die Antworten noch detaillierter auswerten. Damit wollen wir weitere Grundlagen für eine Versachlichung der Wolfsdebatte bereitstellen. Wichtige Entscheidungen sollte man anhand von fundierten Informationen treffen und nicht nach Bauchgefühl. (seb.)