Die 13 ist eine Glückszahl

Parteien vor der Wahl (6/9): Die Grünen Thurgau sind seit 20 Jahren nicht mehr im Nationalrat vertreten. Der Präsident Kurt Egger erklärt, warum es die Grünen aber unbedingt braucht: Er fürchtet, dass im Parlament die Mehrheiten kippen und grüne Themen an Bedeutung verlieren.

Michèle Vaterlaus
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Kurt Egger ist Präsident der Grünen Partei Thurgau. (Bild: Reto Martin)

Kurt Egger ist Präsident der Grünen Partei Thurgau. (Bild: Reto Martin)

Herr Egger, ist für Sie die 13 eine Glückszahl?

Kurt Egger: Ja, natürlich. Ich bin froh, dass wir diese Listennummer haben.

Dann klappt es dieses Jahr nach 20 Jahren wieder mit einem Sitz für die Grünen im Nationalrat?

Egger: Vermutlich nicht, die Chancen sind nun deutlich gesunken. Leider ist die GLP eine Listenverbindung mit den Mitte-Parteien eingegangen. Doch mit FDP, CVP, BDP und EVP ist das eine lauwarme und konturlose Gruppierung. Es zeigt sich halt, dass der GLP Wirtschaftswachstum und neue Strassen wichtiger sind als erneuerbare Energien und Landschaftsschutz.

Was wäre der beste Fall für die Grünen, der bei den Wahlen eintreffen könnte?

Egger: Mit der erstarkten Mitte verliert allenfalls die SVP einen ihrer drei Sitze. Da können wir darauf hoffen, dass aus der Mitte Kandidaten gewählt werden, die auch grüne und soziale Anliegen vertreten.

Und was wäre denn der schlimmste Fall?

Egger: Wenn wir den Sitz nicht gewinnen sowie den GLP-Sitz und den SP-Sitz verlieren. Dieses Risiko besteht aber nicht, weil wir mit der SP eine Listenverbindung haben.

Der SP-Sitz ist auf sicher.

Egger: Ja, das war der Grund, weshalb wir die Listenverbindung mit der SP eingegangen sind. Edith Graf-Litscher macht ihre Arbeit gut und vertritt auch grüne Anliegen.

Bei den letzten Wahlen hat der damalige Präsident Urs Oberholzer gesagt, dass die Grünen Wachstumspotenzial Richtung Mitte hätten. Sehen Sie dieses heute doch eher links?

Egger: Das stimmt in dem Sinne nicht. Wir sind eine grüne Partei. Wir bewegen uns weder in die Mitte noch nach links. Die Listenverbindung mit der SP ist eine rechnerische Geschichte, eine taktische Entscheidung. Wir sind eine eigene Partei. Wir wollen uns nicht anbiedern. Unsere Themen sind grün: sei das Energie, Landschaft oder grüne Wirtschaft.

Worauf legen Sie denn dieses Jahr den Fokus? Vor vier Jahren konnten die Grünen ja noch vom Fukushima-Effekt profitieren.

Egger: Der Effekt ist natürlich abgeflacht, das sieht man auch bei unseren Resultaten. Der Atomausstieg ist aber immer noch ein Hauptthema von uns. Und dieses Thema wird immer wichtiger, insbesondere weil sich der Fukushima-Effekt mehr und mehr auflöst. Es besteht das Risiko, dass im National- und Ständerat die Mehrheiten kippen.

Weg von der Energiewende?

Egger: Ja. Dahin, dass man die Energiewende abklemmen und bei der Atomenergie Abstriche machen will.

Gibt es grüne Themen, die insbesondere den Thurgau beschäftigen?

Egger: Das eine Thema ist sicher die Landschaft. Zum Schutz dieser haben wir ja die Kulturland-Initiative lanciert. Das ist ein Thurgauer, aber auch ein schweizweites Thema. Wir wollen Zersiedelung verhindern. Da müssen wir streng sein. Es soll für die nächsten 20 Jahre nichts mehr eingezont werden. Wir haben genug Bauland – 100 000 Leute könnte man noch zusätzlich plazieren. Es kann doch nicht sein, dass jeder Aldi ein riesiges, einstöckiges Gebäude hinstellt und die Hälfte davon mit Parkplatz zubetoniert.

Sie haben als Thema auch grüne Wirtschaft angesprochen. Die Grünen haben aber das Handicap, dass man ihnen wirtschaftliche Kompetenz abspricht. Was wollen Sie dagegen tun.

Egger: Das Handicap haben wir. Obwohl wir natürlich die Kompetenzen haben, auch unsere Themen sind wirtschaftlich ausgerichtet. Die Energiepolitik schafft beispielsweise Arbeitsplätze. Und ich selber, als Präsident der Grünen Thurgau, bin Unternehmer und habe eine eigene Firma.

Woher kommt denn das Image?

Egger: Wenn man das wüsste. Wir haben das Image seit 20 Jahren, und es ist schwierig, ein Image zu korrigieren. Hinzu kommt natürlich, dass wir im Kern grüne Themen bearbeiten, während die FDP den Fokus auf die Wirtschaft legt.

Sie selber sind grün und Unternehmer. Warum sind Sie nicht in der GLP?

Egger: Die GLP hat in sozialen Fragen eine unheimlich bürgerliche Position, die ich nie haben könnte. Und wir als grüne Partei setzen uns tatsächlich für die grünen Anliegen ein. Während die GLP halt immer halb noch liberal ist. Wir hatten in den letzten Abstimmungen einige Differenzen, wie bei der Erbschaftssteuer. Gedanklich sind wir näher bei der SP. Aber es gibt auch Überschneidungen mit der GLP.

Sie haben als Slogan für die Wahl «Zukunft gestalten». Was, wenn man den Grünen nun wieder kein Gehör verschafft?

Egger: Wir sind nun mal keine Mehrheitspartei, von daher ist es unsere Aufgabe, Themen frühzeitig aufzugreifen, bevor es Mehrheiten gibt.

Aber auch das wird von den Grünen beklagt: Sie liefern Themen, werden belächelt…

Egger: …ja, und später nehmen es die anderen Parteien auf, und ein Thema wird auf einmal mehrheitsfähig.

Macht es Ihnen etwas aus, wenn Sie die Lorbeeren nicht ernten?

Egger: Nein, das macht nichts. Es geht doch darum, dass unsere Anliegen umgesetzt werden.

Aber sie haben ja Angst, dass im Parlament die Mehrheiten kippen.

Egger: Genau. Darum braucht es uns ja. Eine Zeitlang hatten wir das Problem, dass alle die grünen Themen gepflegt haben. Der Tenor damals war: Jetzt braucht es die Grünen nicht mehr. Doch jetzt ist der Trend anders. Mit dem Eurokurs und der Krise sind Wirtschaftsthemen aktuell.

Schwingt da der Vorwurf mit, dass Parteien immer gewissen Trends nachgehen – nur die Grünen verfolgen gradlinig und konsequent ihre Politik?

Egger: Ja. Das ist unsere Stärke, und dabei bleiben wir.

Bild: MICHèLE VATERLAUS

Bild: MICHèLE VATERLAUS