Deutsche und Schweizer im Boot

Der Swiss German Club hilft Deutschen, sich in der Schweiz zu integrieren. Jetzt kommt er auf dem Bodensee in Fahrt. In einem Seminar auf einem Ausflugsschiff lernen die Teilnehmer, dass die kulturellen Unterschiede eigentlich gering sind.

Thomas Wunderlin
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Herbert Galda leitet die neue Bodensee-Sektion des Swiss German Clubs; er ist vor zwei Jahren aus Deutschland nach Eschenz gezogen. (Bild: Nana do Carmo)

Herbert Galda leitet die neue Bodensee-Sektion des Swiss German Clubs; er ist vor zwei Jahren aus Deutschland nach Eschenz gezogen. (Bild: Nana do Carmo)

GÜTTINGEN. Bernd Riekenbrock kennt die Schweiz vom Urlaub her. In der Hoffnung, hier auch Kunden gewinnen zu können, besteigt der Düsseldorfer Stresstherapeut an diesem Dienstagmorgen im Güttinger Hafen den Dampfer MS Raiffeisen. Auf dem zweistündigen Ausflug über die Landesgrenze nimmt er an einem Seminar zu Kulturunterschieden zwischen der Schweiz und Deutschland teil. Ein Unterschied ist Riekenbrock bereits aufgefallen: «Der Umgang ist lockerer bei uns im Rheinland.» Ist es nicht umgekehrt? Die Deutschen sind doch so förmlich, während die Thurgauer schnell Duzis machen. Den Widerspruch erklärt der Referent, der Zürcher Unternehmensberater Walter Leibundgut. «Zwischen Wahrheit und Wahrnehmung besteht ein Unterschied.»

Näher als die Österreicher

Diese Weisheit wiederholt Leibundgut mehrmals, damit sie sich die zwanzig Passagiere einprägen. Die Wahrnehmung, das sind die Bilder, «die wir im Kopf mit uns tragen und unser Handeln beeinflussen». Wenn man sie sich bewusst macht, dann relativieren sich die kulturellen Unterschiede. Zwischen Deutschen und Schweizern seien sie ohnehin viel kleiner als zwischen Schweizern und Österreichern, versichert Leibundgut und beruft sich auf eine Studie.

Hingegen sei die Freundschaftsrate nirgends in Europa so tief wie zwischen Deutschland und der Schweiz, sagt Herbert Galda, der das Seminar im Namen des Swiss German Clubs veranstaltet. Wie diese Rate gemessen wird, erklärt er nicht. Die Bootsfahrt ist der erste Anlass der neuen Sektion Bodensee. Galda wohnt seit zwei Jahren in der Schweiz: «Ich habe einen deutschen Migrationshintergrund oder besser -vordergrund; Hintergrund klingt so negativ.» Weshalb denn Deutsche in der Schweiz unbeliebt seien, ist eine von vielen Fragen, die Galda stellt. Weil die Deutschen Schnellsprecher sind? In seinem Fall sei nichts zu machen, sagt er schnell, ohne auf Antwort zu warten: «Ich kann nicht anders.»

Um Deutschen die Integration in der Schweiz zu erleichtern, ist der Club 2008 in Bern vom Schweizer Fritz Burkhalter gegründet worden, auch die Präsidentin ist eine Schweizerin. Die Club-Terminologie ist jedoch deutsch: der nationale Vorstand heisst beispielsweise Senat.

Deutscher Beirat gesucht

Der Vorstand der Sektion wird als Beirat bezeichnet. Dessen sechs Sitze sollen paritätisch zwischen den beiden Nationen verteilt werden, wobei ein deutscher Sitz noch frei ist. Galda ruft Interessenten auf, sich zu melden. Im Beirat dabei ist der Frauenfelder Unternehmensberater Kurt Lehmann, einst Marketingchef der Schleifmittelherstellerin Sia, die mittlerweile deutsch ist. Zu den grössten Unterschieden der beiden Länder gehört für ihn das Staatsverständnis. Deutsche sähen den Staat distanzierter als Erbringer von Leistungen. «Wir verstehen uns als Teil des Staats.»