Der Vollstrecker vom Kurzdorf

Ab 1679 bis in die 1970er-Jahre stand an der Laubgasse 50 das Scharfrichterhaus. Dort wohnte als letzter Frauenfelder Scharfrichter Johannes Näher (1765 bis 1843). Der Mann nahm Verurteilten mit dem Schwert das Leben und verhalf Kranken mit Kräutern zur Genesung.

Angelus Hux
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Das einstige Wohnhaus der Frauenfelder Scharfrichter an der Laubgasse 50, um 1970 abgerissen. (Bild: pd/Angelus Hux)

Das einstige Wohnhaus der Frauenfelder Scharfrichter an der Laubgasse 50, um 1970 abgerissen. (Bild: pd/Angelus Hux)

FRAUENFELD. In der Zählung der Häuser an der Laubgasse klafft eine Lücke. Die Nummer 50 fehlt. Warum wohl? Das Häuschen, dem diese Nummer einst zugeteilt war, wurde in den 1970er-Jahren abgebrochen. Es war das Scharfrichterhaus, das den Leuten der Umgebung natürlich nicht ganz geheuer war.

Jakob Nater (1911 bis 1991) schrieb 1970 in seinen Erinnerungen: «Ich blieb stumm im Revier des Scharfrichterhauses. Mich umgaukelten schaurige Geschichten um dieses Haus, von Hinzurichtenden, die die letzte Nacht vor ihrem Gang zur Richtstätte im Galgenholz hier verbrachten. Sicherlich hingen irgendwo im Gang noch Richtschwerter mit Blutspritzern dran oder hänfne Stricke! Ich getraute kaum zu schnaufen, geschweige umherzublinzeln.»

Am Rande des Kurzdorfs

Die Hoheit über das Blutgericht beanspruchten seit 1460 die sieben eidgenössischen Orte, die den Thurgau erobert hatten. Seit 1679 wohnte ein Scharfrichter in dem Haus, das die Orte mit je 50 Gulden Baubeitrag hatten errichten lassen. Zwei Drittel des Unterhalts übernahmen die Orte, ein Drittel die Stadt Frauenfeld. Da der Beruf des Scharfrichters als unehrenhaft galt, baute man seine Behausung an den Rand des Kurzdorfs.

Als die Eidgenossen 1798 den Thurgau in die Unabhängigkeit entliessen, nahm die Stadt das Haus an sich, doch der Kanton, der als Nachfolger der Eidgenossen die oberste gerichtliche Hoheit beanspruchte, erwarb 1804 Haus, Scheune, Waschhaus, Schopf und Garten für 450 Gulden und auch das Areal der Richtstätte und den Schindgarten neben dem Gericht für weitere 300 Gulden.

«Glückliche Hinrichtungen»

Zu jener Zeit war Johannes Näher (1765 bis 1843) «Executor». Er stammte aus einer Familie, die zahlreiche Ärzte und Scharfrichter hervorbrachte. Näher trat sein Amt 1792 an und versah es bis zu seinem Tod. Er hatte Wohnrecht im Scharfrichterhaus und bezog ein kleines jährliches Fixum, dies ebenfalls nach 1803, denn auch der neue Kanton kannte die Todesstrafe. Näher soll 19 «glückliche Hinrichtungen» vollzogen haben, davon allein acht im Jahre 1797, die letzte 1839. Die Hinrichtungen fanden jeweils beim Galgenholz westlich der Strasse nach Warth statt. Fünfmal rief man ihn auch in den Kanton Zürich.

Die TZ berichtete am 2. Februar 1805 ausführlich über die Hinrichtung eines wegen Mordes Angeklagten: «Letzten Montag wurde das Todesurteil an dem unglücklichen Kaspar Villinger von Ottoberg vollzogen. Schon tags vorher sammelte sich hier eine Abteilung von 50 Mann des Scharfschützenkorps unseres Kantons, um bei der Exekution des Urteils Ordnung und Ruhe zu erhalten. Am Tage der Hinrichtung des Unglücklichen strömte von allen Seiten eine ausserordentliche Menge Volk herbei, um Zuschauer dieses traurigen Auftritts zu sein. Um 10 Uhr wurde der Delinquent aus seinem Gefängnis, unter eifrigem Gebet zweier Herren Geistlichen, die ihn bis zur Richtstätte begleiteten, vor das Rathaus geführt, wo die zahlreiche Volksversammlung ihre Neugierde zu befriedigen erwartete. Ein Mitglied des Kleinen Rates (des Regierungsrates), von einem Sekretär und dem Abwart mit der Standesfarbe begleitet, trat nun auf den Altan des Rathauses: hier las nun der Sekretär alle auf diesen traurigen Vorfall Bezug habenden Akten und Urteile vor: nach deren Beendigung besagtes Regierungs-Mitglied – welches im nämlichen Begleit und im Gefolge von vier Husaren der Exekution bis am Ende beiwohnte – den Stab über den Unglücklichen brach und zu seinen Füssen warf, worauf dieser dem Scharfrichter übergeben wurde.

Ein kleiner Wagen war bereit, ihn auf die Richtstätte zu führen, auf welchen er gesetzt wurde. Dann begann das Geläut zweier Glocken in beiden hiesigen Kirchen; und unter militärischer Bedeckung wurde nun der Unglückliche zum Tod geführt. Reuevoll und mit gefasstem Mut betete er auf dem ganzen Wege dasjenige aufrichtig nach, was ihm die Herren Geistlichen vorsprachen. Als er das Schafott bestieg, bat er noch mit vernehmlicher Stimme das umstehende Volk um Fürbitte bei Gott, und während er eifrig nachbetete, machte ein Schwertstreich seinem Leben plötzlich ein Ende.»

Der Scharfrichter als Arzt

Dieses Köpfen muss handwerklich sehr schwierig gewesen sein; schliesslich ging es darum, mit einem Schwerthieb genau zwischen zwei Halswirbel zu treffen. Johannes Näher war bis 1833 auch zuständig für die Entsorgung von Tierkadavern. Die meisten Scharfrichter betätigten sich auch als Heilpraktiker. Näher wurde in Krankheitsfällen von Mensch und Tier um seinen Rat gebeten. Es wurde ihm sogar von der Regierung bestätigt: «Praktiziert ohne Tadel!» Er soll aber auch manchmal zu merkwürdigen Methoden gegriffen und zauberkräftige Arzneien verschrieben haben. Die Leute sollen oft im Schutz der Dunkelheit zu ihm gekommen sein, um sich Tränke brauen oder Heilkräuter verabreichen zu lassen.

Am 14. Oktober 1843 verbreitete die TZ ohne Kommentar die knappe Meldung: «Den 8. des Monats starb nach kurzem Krankenlager der auch ausser Kanton als Arzt und Exekutor bekannte Herr Johannes Näher von Kurzdorf in einem Alter von 77 Jahren.»

Letztmals im November 1854

Auch nach seinem Tod wurde beim Galgenholz hingerichtet, doch bot der Kanton nun jeweils einen auswärtigen Scharfrichter auf. Zum letzten Mal im November 1854, als Scharfrichter Johann Baptist Petermann von Altstätten SG morgens um halb sechs Uhr den Jakob Hungerbühler mit dem Schwerte vom Leben zum Tode brachte. 1864 verkaufte der Kanton die Galgenwiese und den Galgenacker im Umfang von zwei Jucharten für 2669.16 Franken an die Bürgergemeinde Frauenfeld, die dort aufforstete. Nach Vertrag hätte diese das Hochgericht an anderer Stelle wieder erstellen müssen, aber die Zeit des Köpfens war vorbei.

Jakob Nater hatte nicht Unrecht, wenn ihm schon die Umgebung des Scharfrichterhauses nicht geheuer vorkam. Die Einwohner von Kurzdorf beklagten sich bereits 1805, dass Näher bei seinem Haus «Blut, Exkremente und Fleisch von abgetanen Pferden zur Gärung» aufbewahre, was einen unausstehlichen Gestank verbreite. Die Scheu vor dem Häuschen blieb im kollektiven Gedächtnis der Kurzdorfer noch über Generationen hinweg latent spürbar. Vielleicht ist das ein Grund, dass auf dem Grundstück nicht wieder ein Haus aufgerichtet wurde, sondern die Lücke lediglich mit einer Tiefgaragenzufahrt gefüllt wurde.

An der Laubgasse 50 steht kein Haus mehr. Stattdessen befindet sich dort die Zufahrt zu einer Tiefgarage. (Bild: Donato Caspari)

An der Laubgasse 50 steht kein Haus mehr. Stattdessen befindet sich dort die Zufahrt zu einer Tiefgarage. (Bild: Donato Caspari)

Bild: ANGELUS HUX

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