Der Velo-Ventilator wartet weiter auf den Ernstfall

Warum eigentlich existiert in der Schlossmühle hinter dem Bollag-Gebäude dieser im Wiesenbord verborgene mehrstöckige Führungsbunker?

Stefan Hilzinger
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Geheimnisvolle Stahltür im Bunker. (Bilder: Reto Martin)

Geheimnisvolle Stahltür im Bunker. (Bilder: Reto Martin)

Warum eigentlich existiert in der Schlossmühle hinter dem Bollag-Gebäude dieser im Wiesenbord verborgene mehrstöckige Führungsbunker?

Mit seinen knapp zwei Metern hätte Stadtpräsident Anders Stokholm seine liebe Mühe im Führungsbunker in der Schlossmühle. Auch wer nicht gar so gross gewachsen ist wie Stokholm muss aufpassen, dass er sich nicht den Kopf an der Decke stösst. Wer am 22. August anlässlich des Aktionstages «Frauenfelds Geheimnisse» den Bunker besuchte, konnte sich ein Bild machen von der Engnis.

Nicht alle Details öffentlich

Seit 75 Jahren steht der kreisrunde, viergeschossige Bunker «fest gemauert in der Erden». Die damalige Munizipalgemeinde Frauenfeld hat den Bunker ab Mitte der 1930er-Jahre geplant. Europa geht erneut kriegerischen Zeiten entgegen und die Schweiz rüstet sich. Nicht nur Waffen sind gefragt, sondern auch «passiver Luftschutz» gegen Angriffe mit Brandbomben oder Kampfgas. Im September 1934 verordnet der Bundesrat, «dass in den grösseren Gemeinden eine Organisation für den passiven Luftschutz zu treffen ist». Das steht in der Abstimmungsbotschaft «Sanitäts-Hilfsstelle und Schutzraum für den Luftschutzdienst» von Ende August 1938. Mitte Oktober gleichen Jahres befindet das Frauenfelder Stimmvolk über den Bau des Bunkers. Die Botschaft beziffert die Kosten für den Schutzraum auf 74 000, für die Sanitätshilfsstelle auf 46 000 Franken. In der Broschüre finden sich Skizzen der Anlagen. «Die Clichés stellen nur generelle Projekte dar; im Interesse der Landesverteidigung können weitere Detailangaben nicht gegeben werden, so zum Beispiel über Lage, genaue Dimensionierung der Schutzbauten und so weiter», heisst es in der Botschaft. Die Skizze zeigt ein dreigeschossiges Bauwerk, erstellen lässt die Stadt dann ein viergeschossiges. Mit 886 Ja- zu 676 Nein-Stimmen geben die Frauenfelder ihren Segen zu dem Vorhaben.

Treffen im «Scharfen Eck»

Die Frauenfelder Luftschutzkommission unter dem Vorsitz von Gemeinderat F. Bandle macht sich zügig an die Realisierung des «Luftschutzturms», wie der Bau in den Protokollen der Kommission bezeichnet wird. Regelmässig trifft sich die Kommission im «Scharfen Eck» zu Sitzungen. Die Protokollbücher finden sich heute im Frauenfelder Stadtarchiv. 1939 ist der Rohbau fertig. Anfang August 1940 besichtigt die Kommission die nahezu fertige Anlage. «Leider ist es bis jetzt noch nicht gelungen, der Feuchtigkeit Herr zu werden», protokolliert der Aktuar M. Büchi. Nun soll im untersten Geschoss, wo bis heute eine Pumpe Grundwasser schöpft, ein Holzrost erstellt werden, «damit man nicht direkt auf dem nassen Boden zu stehen kommt».

Einen eigentlichen Ernstfall erlebt der Führungsbunker zwar nicht. Der Frauenfelder Lokalhistoriker Angelus Hux erinnert sich jedoch aus seiner Zeit als Kantonsschüler an die Anlage. «Während des Krieges sassen Flieger-Beobachter auf dem Türmli der Kanti. Sie mussten ihre Sichtungen dem Kommandoposten im Bunker melden», sagt Hux.

Empa-geprüfter Beton

Statt 70 000 Franken kostet der Bau fast 98 000 Franken. Die detaillierte Bauabrechnung vom 31. November 1940 weisst auch einen Betrag von 155.95 Franken aus für Betonproben bei der Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt (Empa).

«Grundsätzlich betriebsbereit»

Noch 1985 attestiert ein Winterthurer Ingenieurbüro dem Bau «grundsätzliche Betriebsbereitschaft», wenngleich die Anlage technisch überaltert sei. Die Stadt macht sich Gedanken über eine Weiternutzung, etwa als Schutzraum für Kulturgüter. Dazu kommt es nicht. Der Turm ist nahezu leergeräumt. Einzig der fahrradbetriebene Ventilator wartet weiterhin auf einen wirklichen Ernstfall. «Es wäre zu teuer, die Anlage abzubrechen», sagt Werner Spiri, Amtsleiter Sicherheit bei der Stadt.

Emailliertes Schild mit Benimmregeln fürs Bunker-WC. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Emailliertes Schild mit Benimmregeln fürs Bunker-WC. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))