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DER UNBESCHEIDENE UND TÜFTELNDE PATRON: Erstes Thurgauer Auto gehörte deutschem Bernina-Gründer

Viola Stäheli
Bernina-Gründer Karl Friedrich Gegauf unterwegs mit dem ersten im Thurgau zugelassenen Automobil. (Bilder: PD)

Bernina-Gründer Karl Friedrich Gegauf unterwegs mit dem ersten im Thurgau zugelassenen Automobil. (Bilder: PD)

«Das Spezialgebiet der heutigen Referentin Dagmar Schönig ist die Wirtschaftsgeschichte»: Mit diesen Worten begrüsst Gabriele Keck, Direktorin des Historischen Museums Thurgau, das zahlreich erschienene Publikum. Die Historikerin Dagmar Schönig setzt gleich an: «Das Thema des heutigen Museumshäppli sind deutsche Unternehmer im Thurgau.» Der deutsche Akzent der beiden Frauen ist nicht zu überhören. Zwei Deutsche, die das monatliche, mittägliche Kurzreferat im Historischen Museum in Frauenfeld über Deutsche im Thurgau ankündigen – das gibt dem Thema doch eine ziemliche Glaubwürdigkeit.

In der Schweiz, führt Schönig aus, würde es in der Industrielandschaft ohne deutsche Einwanderer deutlich karger aussehen: keine Nestlé-Produkte, keine Ovomaltine und keine Hero-Konfitüre. Und auch im Thurgau wären Abstriche zu machen: Lastwagen von Saurer wären nie auf den Markt gekommen. Und natürlich gäbe es auch keine weltberühmten Bernina-Nähmaschinen, die auf Karl Friedrich Gegauf und dessen Sohn Fritz Gegauf zurückgehen.

Aussergewöhnliche Karriere mit typischer Familie

«Karl Friedrich Gegauf legte im Thurgau eine aussergewöhnliche Karriere hin, seine Familiengeschichte ist aber für einen deutschen Immigranten typisch», erklärt Schönig. Bereits sein Vater hatte einen längeren Ausflug in den Thurgau gemacht: Während der Badischen Revolution flieht der junge Arzt Johann Georg Gegauf aus Wahlwies und versteckt sich in Steckborn bei einem Studienfreund. Drei Jahre nach der Flucht kehrte Johann Georg Gegauf zurück nach Wahlwies und heiratete seine Verlobte. 1860 ging aus dieser Ehe Karl Friedrich Gegauf hervor. Karl Friedrich Gegauf absolvierte eine Mechanikerlehre in Stockach und Radolfzell. 1880 trat er in die Stickmaschinenfabrik Baum in Rorschach ein. Karl Friedrich Gegauf war ein begnadeter Mechaniker und durfte auf Montagereisen, die ihn quer durch Europa und bis nach Nordamerika führten. In dieser Zeit entwickelte er eine Monogrammstickmaschine, die bei seinem Arbeitgeber aber auf kein Interesse stiess. Daraufhin gründete der junge Gegauf seine eigene Firma in Tägerwilen zur Herstellung und dem Vertrieb der Stickmaschine, die sprichwörtlich durch die Decke ging. Der Erfolg des Unternehmens erforderte grössere Produktionsstätten, die Karl Friedrich Gegauf in Steckborn fand – dem Ort, an dem sich bereits sein Vater versteckt hatte. Durch das Wachstum der Firma brauchte Karl Friedrich Gegauf auch personelle Unterstützung. Diese erhielt er durch seinen Bruder, den er in die Schweiz holte und der zum neuen kaufmännischen Leiter wurde. «Dass die Familie nachgeholt wird, war sehr verbreitet unter den Migranten», sagt Schönig.

Karl Friedrich Gegauf blieb ein passionierter Erfinder und tüftelte mit seinem Sohn Fritz Gegauf kontinuierlich an den Stickmaschinen weiter. Nach dessen Tod übernahm Fritz Gegauf 1932 die Firma und hatte schwer mit der Weltwirtschaftskrise zu kämpfen. In dieser turbulenten Zeit entwickelte er gemeinsam mit Wilhelm Brütsch und dessen Sohn eine neue Haushaltsnähmaschine mit dem Namen Bernina.

«Ein interessanter Aspekt an dieser Geschichte ist, dass es rund 27 Jahre dauerte, bis Karl Friedrich Gegauf und seine Familie das Schweizer Bürgerrecht erhalten haben», sagt Schönig. Als Grund lassen sich nur Mutmassungen anstellen: Karl Friedrich Gegauf war der erste Automobilbesitzer im Thurgau – und stellte so sein Vermögen zur Schau, was nicht so richtig zur Schweizer Bescheidenheit passte. Vielleicht stiess das den Thurgauern sauer auf.

Bevorzugter Kanton bei deutschen Einwanderern

Zwischen den Jahren 1850 und 1880 wanderten rund 120000 Schweizer nach Übersee aus, gleichzeitig erforderten die neu entstandenen Industrien Arbeitskräfte, die vor allem im Ausland gefunden wurden. So kamen in diesem Zeitraum mehr als 105000 Ausländer in die Schweiz, wovon der grösste Teil Deutsche waren. Der Kanton Thurgau gehörte dabei zu den bevorzugtesten Kantonen. Diese Migrationsbewegungen wurden durch offene Grenzen und eine leichte Einreise in die Schweiz begünstig – nur wer sich dauerhaft in einem Kanton niederlassen wollte, musste einen Antrag stellen. Polizeilich ausgewiesen wurden zudem nur jene Ausländer, die etwa der «Armenpflege» zu sehr zur Last fielen oder kriminell wurden. Meist genügte aber bereits der Wegzug in einen liberaleren Kanton.

Diese Migrationsbewegungen führten zu Unruhen in der Schweizer Bevölkerung: Überfremdung lautete das Stichwort. Vorwürfe wurden erhoben, dass die übermassige Anzahl an Deutschen im Thurgau schlecht sei für die Bürger, dass die Deutschen Übel brächten und Arbeit wegnehmen würden. Diese vorhandene Stimmung gegen Deutsche äusserte sich auch in Krawallen. «Bereits zur Zeit der Gründung des Bundesstaates 1848 war damit Überfremdung ein Thema», schliesst Schönig ihr Referat. Und das ist es bis heute geblieben – genauso wie die vorgebrachten Vorwürfe, die sich nun aber nicht mehr primär gegen Deutsche richten.

Viola Stäheli

frauenfeld@thurgauerzeitung.ch

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