Der umstrittene Retter von Konstanz

«Ich darf ohne jede Übertreibung sagen, die Lage um die Stadt Konstanz war zeitweise bedenklich heiss, und alle die Männer setzten ihr Leben aufs Spiel, um alles zu tun, damit um Konstanz Kämpfe vermieden werden konnten.» Otto Raggenbass war ein stolzer Mann.

Urs Brüschweiler
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Otto Raggenbass vor dem Schulhaus Kurzrickenbach zum Anlass der festlichen Wiedereröffnung der Buslinie Konstanz–Kreuzlingen 1962. Diese war 1939 eingestellt worden. (Bild: Privatarchiv Dorena Raggenbass)

Otto Raggenbass vor dem Schulhaus Kurzrickenbach zum Anlass der festlichen Wiedereröffnung der Buslinie Konstanz–Kreuzlingen 1962. Diese war 1939 eingestellt worden. (Bild: Privatarchiv Dorena Raggenbass)

«Ich darf ohne jede Übertreibung sagen, die Lage um die Stadt Konstanz war zeitweise bedenklich heiss, und alle die Männer setzten ihr Leben aufs Spiel, um alles zu tun, damit um Konstanz Kämpfe vermieden werden konnten.» Otto Raggenbass war ein stolzer Mann. Sein Handeln in den letzten Kriegstagen hatte dazu beigetragen, unnötiges Blutvergiessen zu vermeiden. Seine niedergeschriebenen Erinnerungen an die Tage im April 1945 bildeten die Grundlage für seinen Ruhm als «Retter von Konstanz». 1968 benannte die Stadt post mortem eine Strasse nach dem Kreuzlinger Bezirksstatthalter während des Zweiten Weltkrieges.

Zurück zur «Schwedenstrasse»

Der Konstanzer Historiker Arnulf Moser sähe heute an selber Stelle lieber wieder ein Schild mit der Aufschrift «Schwedenstrasse», so wie es vor 1968 war. Otto Raggenbass habe diese Ehre nicht verdient, sagt er. Moser hat viel über den Schweizer Beamten geforscht und geschrieben. Zuletzt erschien ein Beitrag von ihm im Buch «Täter, Helfer, Trittbrettfahrer – NS-Belastete aus dem Bodenseeraum», in dem der 1965 verstorbene Kreuzlinger schlecht wegkommt. Nicht nur überschätze Raggenbass seine Rolle bei der kampflosen Übergabe der Stadt Konstanz – heute wisse man, dass nicht die Gespräche im Trompeterschlössle entscheidend waren –, insbesondere sein Verhalten gegenüber jüdischen Flüchtlingen, die in die Schweiz kommen wollten, machten seine Ehrung unangemessen. Moser bezieht sich dabei auch auf einen Beitrag über Raggenbass im 2001 erschienenen Buch zur Kreuzlinger Stadtgeschichte: «Kreuzlingen. Kinder, Konsum und Karrieren, 1874–2000». Historiker Reto Wissmann beschreibt darin, dass der Bezirksstatthalter als Chef des Kantonspolizeipostens die restriktive Haltung der thurgauischen Fremdenpolizei gestützt hat. In der «Geschichte der Kantonspolizei Thurgau» von Ernst Abegg, erschienen 2014, wird unter anderem von Flüchtlingen berichtet, welche durch den Untersee schwammen und dort unter Raggenbass' Mitverantwortung entweder wieder zurückgeschickt oder den Konstanzer Behörden überstellt wurden. Auch der Streit des Bezirksstatthalters mit der Kreuzlinger Schulbehörde, welche sich vehement gegen die Wegweisung jüdischer Kinder aus Konstanz aus Kreuzlinger Schulen wehrte, ist dort beschrieben.

Diese und weitere für den Bezirksstatthalter unvorteilhafte Geschichten haben Raggenbass in Verruf gebracht. «Er vertrat die in den Behörden weit verbreitete Form des schweizerischen Antisemitismus, der sich hinter dem Begriff <Überfremdung> versteckte», schreibt Wissmann. In dieser Beziehung sei er ein getreuer Diener seiner Vorgesetzten gewesen. All das brachte Arnulf Moser in Konstanz zur Empfehlung einer Umbenennung der «Otto-Raggenbass-Strasse». Das Thema sei aber in Konstanz wieder eingeschlafen, erklärt Moser. «Ich versuche, das wieder anzustossen.»

Persönlichkeit mit viel Energie

«Das Strassenschild in Konstanz ist mir nicht wichtig», sagt Dorena Raggenbass. Dennoch findet sie Arnulf Mosers Bestrebungen «nicht unbedingt fair». Die Kreuzlinger Stadträtin ist die Tochter von Otto Raggenbass aus dessen dritter Ehe. Er verstarb 1965 mit 59 Jahren, als sie erst acht Jahre alt war. «Wahrscheinlich habe ich von meinem Vater ein etwas überhöhtes Bild», sagt sie. Doch nimmt sie ihn gegen verschiedene Anschuldigungen in Schutz. «Er war eine Persönlichkeit mit viel Energie», sagt sie. «Ein Macher, er ist immer auf 120 gelaufen.» Selbstverständlich habe er auch Fehler gemacht, aber man müsse das in den Kontext einer ganz anderen Zeit, mit enormen Herausforderungen, stellen. Er sei damals noch jung gewesen und habe leider nicht über die Weisheit wie etwa Polizeikommandant Paul Grüninger in St. Gallen verfügt.

Turner, Dirigent, Schauspieler

Dorena Raggenbass sieht das Leben ihres Vaters mit anderen Augen als die heutigen Historiker. «Er hat viel erreicht.» Er war engagierter Lehrer, begeisterter und erfolgreicher Turner und Leichtathlet mit nationalen Meriten, ausserdem Chor-Dirigent und Theater-Talent. «Er hat sogar bei der Operette in Sirnach mitgespielt.» Seine militärische Karriere war zunächst steil. Er brachte es auf insgesamt 1500 Diensttage und war zuletzt Oberst. General Henri Guisan berief Otto Raggenbass 1940 in einen sportlichen Spezialstab. In dieser Position drehte er mit seiner Kompanie einen Schulungsfilm über eine von ihm entwickelte Nahkampftechnik. «Etwas selbstherrlich war er wohl schon. Aber was er gut und wichtig fand, hat er eben gemacht», beschreibt ihn seine Tochter.

Kritik am Privatleben

Manche Eskapade brachte Otto Raggenbass auch Kritik ein, welche ihm 1938 bei seiner Kandidatur zum Bezirksstatthalter einholte. Aufgrund der Scheidung von seiner ersten Frau wurde ihm ein zweijähriges Eheverbot auferlegt. «Ein zerrüttetes Familienleben, wie es trauriger nicht mehr sein könnte. Einen solchen Statthalter wollen wir nicht», hiess es in einem Flugblatt seiner Gegner. Über solches kann seine Tochter heute schmunzeln. Er sei nicht der perfekte Ehemann gewesen, aber sie habe ihn als fürsorgenden Menschen in Erinnerung, was sie gerne mit Anekdoten aus der Kindheit stützt. Diese verbrachten sie im Sallmann'schen Haus, wo sich damals das Bezirksamt befand. Otto Raggenbass wurde 1938 gewählt und wurde danach jedesmal im Amt bestätigt.

Otto Raggenbass in jungen Jahren. Er war ein passionierter Sportler. (Bild: Privatarchiv Dorena Raggenbass)

Otto Raggenbass in jungen Jahren. Er war ein passionierter Sportler. (Bild: Privatarchiv Dorena Raggenbass)