Der Turmbau zu Ittingen

Das Kunstmuseum Thurgau präsentiert eine Werkschau des japanischen Künstlers Tadashi Kawamata, der vor den Toren der Kartause Ittingen einen Scheiterturm errichtet hat.

Florian Weiland
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Kunstvoll-natürlich: Tadashi Kawamatas Scheiterturm bei der Kartause Ittingen. (Bild: Kunstmuseum Thurgau)

Kunstvoll-natürlich: Tadashi Kawamatas Scheiterturm bei der Kartause Ittingen. (Bild: Kunstmuseum Thurgau)

Er steht noch. Das Holz ist inzwischen verwittert, doch Tadashi Kawamatas Scheiterturm hat den Unbilden des Wetters getrotzt. Im März 2013 errichtete der japanische Künstler mit Pariser Kunststudenten und betreuten Mitarbeitern der Stiftung Kartause Ittingen vor dem Kunstmuseum Thurgau einen neun Meter hohen Turm aus Holzscheiten. Die gesamte Holzernte des Winters wurde verarbeitet: 170 Ster Holz, rund 100 Tonnen, wurden aufgetürmt. Es ist ein Kunstwerk, das nicht für die Ewigkeit gemacht ist. Kuratorin Stefanie Hoch spricht von einer «prekären Konstruktion».

In Ittingen hat Kawamata mit Holz gearbeitet, das eigentlich nie als Baumaterial vorgesehen war. Der Scheiterturm ist ein Kunstwerk auf Zeit. Im nächsten Jahr werden die Holzscheite wieder ihrem ursprünglichen Verwendungszweck zugeführt: sie sollen als Brennholz verkauft und verfeuert werden. Der Scheiterturm wird im übertragenen Sinne ein Ende als Scheiterhaufen finden. Bis es so weit ist, hat die Kartause ein neues Wahrzeichen. Die offenkundige Zwecklosigkeit des Baus sorgt dabei zuverlässig für Irritationen. Und so wird der begehbare, fensterlose, nach oben hin aber offene Turm zu einer Befragung von Form und Sinn, aber auch zu einem Ort, an dem sich erfahren lässt, was «Raum als Grunderfahrung» ausmacht, wie Museumsdirektor Markus Landert betont.

Er hätte höher gebaut

Der Filmemacher Gilles Coudert, der das Werk von Kawamata seit langem dokumentiert, hat den Bau des Scheiterturms von Anfang an mitverfolgt. Ein 34minütiger Film ist daraus entstanden. Beteiligte kommen zu Wort, unter ihnen Christophe Scheidegger, der das Projekt als Architekt begleitete und den Künstler mitunter bremsen musste. Kawamata hätte den Turm gerne noch höher gebaut, doch das hätte Probleme mit der Statik bedeutet.

Es ist nicht der einzige Film von Gilles Cudert, der in der Kartause gezeigt wird. Weitere Filmbeiträge dokumentieren Kunstinstallationen, die der japanische Künstler in der Schweiz realisiert hat, gehen auf seine grosse Ausstellung in Versailles ein und natürlich auch auf die Favelas, die ihn bekanntgemacht haben.

Gerade letzteres ist ein überaus umstrittenes Werk. 1992 als sozialkritischer Beitrag auf der documenta gefeiert, erntete Kawamata im letzten Jahr an der Art Basel vor allem Kritik.

Favelas in Basel

Ist es subversiv oder nicht vielmehr sehr zynisch, wenn auf dem Platz vor der grössten Kunstmesse der Welt notdürftige Hütten, wie wir sie aus den lateinamerikanischen Armenvierteln kennen, aufgebaut und zu Snackbars für die Messebesucher umfunktioniert werden?

Der Ittinger Scheiterturm ist bei weitem nicht der einzige Turm, den der japanische Künstler gebaut hat. Jeder hat seinen ganz eigenen Charakter. 8000 Kirchenmöbel zum Beispiel stapelte Kawamata in der Nervenheilanstalt Hôpital de la Salpêtrière in Paris, wo er lebt, zu turmähnlichen Gebilden übereinander. Es ist mit die eindrucksvollste Arbeit, die der Künstler bislang realisiert hat.

Tadashi Kawamata. Prekäre Konstruktionen. Kunstmuseum Thurgau, bis 19. Oktober.

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