Der Thurmilch-Mann

HOMBURG. Ueli Herzog holt bei den Thurgauer Bauern die Milch ab. Er und seine Chauffeure sind 365 Tage im Jahr im Einsatz. Ein Porträt mit Interview von Inge Staub (Text) und Reto Martin (Bilder)

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Ueli Herzog mag Motoren – nicht nur von Lastwagen, sondern auch von Motocross-Töffs. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Ueli Herzog mag Motoren – nicht nur von Lastwagen, sondern auch von Motocross-Töffs. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Ueli Herzog steht mit den Hühnern auf. Kurz vor sechs Uhr morgens sitzt er schon hinter dem Steuer seines Tanklastzuges. Er trägt dazu bei, dass die Regale bei Coop, Migros oder Volg Milch, Joghurt und Käse enthalten. Ueli Herzog ist Chef des Transportunternehmens Herzog in Homburg. Er und seine acht Chauffeure sammeln Tag für Tag, 365 Tage im Jahr, für die Thur Milch Ring AG, eine Organisation der Thurgauer Milchproduzenten, die Milch bei den Bauern ein.

Jeden Tag sind drei Chauffeure mit drei Tanklastzügen im Einsatz. Sie fahren zwei Touren. Die erste Tour endet für Ueli Herzog an diesem Montag gegen 9.45 Uhr in der Anlieferungshalle des Milchverarbeiters Hochdorf in Sulgen. Während die Milch aus seinen Tanks durch Schläuche und Stahlrohre saust und im Untergrund verschwindet, spritzt er seinen Tanklastzug mit Wasser ab. «Reinheit ist in unserem Job oberstes Gebot», sagt er.

Kurz nach zehn Uhr bricht der 54-Jährige für die zweite Tour auf. Bereits wenige Kilometer von Sulgen entfernt, steuert Ueli Herzog den ersten Bauernhof an. Die Zufahrtsstrasse ist schmal. Geschickt lenkt er sein Fahrzeug mit Anhänger um die enge Kurve und umrundet den Stall. Der Tanklastzug kommt vor einem Häuschen zum Stehen, in dem sich ein Milchtank befindet. Mit wenigen Handgriffen schliesst Ueli Herzog den Schlauch des Tankwagens an den Tank an. Er drückt auf einen grünen Knopf: Die Pumpe startet. Wie an der Tankstelle zählt eine Uhr die Liter, die durch die Leitung fliessen. 600 Liter wechseln pro Minute von einem Behälter in den anderen.

GPS mit an Bord

Das Abholen der Milch läuft vollautomatisch ab. Ueli Herzog muss nicht einmal einen Stift in die Hand nehmen. Sein Bordcomputer erkennt per Satellitennavigation auf welchem Hof er sich befindet. Nach der Abnahme der Milch spuckt er eine Quittung aus. Gleichzeitig geht an der Seite des Wagens das mobile Labor in Betrieb. Ein Reagenzglas nimmt eine kleine Menge Milch auf und während Herzog unterwegs ist, wird die Milch nach Antibiotika untersucht. Sollte Herzog fündig werden, was ganz selten der Fall ist, weiss er, dass einer seiner Lieferanten Milch einer kranken Kuh abgeliefert hat. Diese wird dann weggeschüttet. Zweimal im Monat wird der Fettgehalt gemessen.

Beim ersten Bauern füllte sich einer der sieben Tanks mit 4000 Litern. Ueli Herzog fährt auf die Hauptstrasse zurück, hängt den Anhänger ab und fährt ohne diesen weiter. Die Fahrt geht quer durch Amriswil. Und von dort nach Sommeri und über Nebenstrassen nach Langrickenbach. Hier, wo der Thurgau noch Thurgau ist, fährt er mehrere Höfe an. Bei jedem verweilt er fünf bis zehn Minuten. Nirgendwo ist ein Bauer oder eine Bäuerin zu sehen. Ueli Herzog kennt sich aus. Er betritt die jeweiligen Milchhäuser, hängt seinen Schlauch an und die Milch fliesst. Zwischen 1000 und 3000 Liter pro Bauer. Ist der Tank leer, schaltet er die Reinigung ein und fährt weiter. Kurz nach 12 Uhr holt er seinen abgestellten Hänger ab und steuert erneut das Areal der Hochdorf Gruppe in Sulgen an.

Vom Vater übernommen

Nach Feierabend, gegen 15 Uhr, legt er sich nicht etwa aufs Ohr. Entweder pflegt er seine Lastwagen, kümmert sich um die Abrechnung oder widmet sich seinem Hobby, der Organisation von Motocrossrennen. Diese Leidenschaft hat er an seine drei Söhne vererbt. Diese sind einige Jahre nach der Scheidung der Eltern zu ihrem Vater nach Homburg gezogen. Ueli Herzog hat das Transportgeschäft von seinem Vater übernommen. Seit 30 Jahren fährt er Milch. Für die Thur Milch Ring bedient er 180 Bauern. Im Jahr sammelt er 45 Millionen Liter Milch ein.