Der schönste Arbeitsweg

FRAUENFELD. Erst sieht man über den Bodensee, ab Kehlhof erstreckt sich das Alpsteinmassiv. Mit dem Zug von Konstanz nach Frauenfeld – das muss einer der schönsten Arbeitswege sein, die es gibt, meinen Katharina Brenner (Text) und Andrea Stalder (Fotos).

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Eine Gondel aus Savognin in einem Kehlhofer Garten an den Gleisen. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Eine Gondel aus Savognin in einem Kehlhofer Garten an den Gleisen. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Schnell, schnell, schnell, schnell. 8.02 Uhr. Die Treppe runter, durch den Gang, die Treppe wieder hoch. Der Zug steht am Gleis, die Tür noch offen. Ich nehme die eins, zwei, drei, vier Stufen zum Waggon hinauf. Drinnen. Geschafft. «Willkommen an Bord des Interregio von Konstanz nach Biel», sagt die Frauenstimme aus dem Lautsprecher. Draussen pfeift jemand, die Tür geht zu, der Zug fährt los.

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Ich atme aus und merke, wie die Anspannung abfällt. Ich setze mich an einen Fensterplatz auf der linken Seite. Hier ist die Aussicht am besten. Nur wenige Personen sind im Abteil. Zwei Frauen haben Koffer dabei, der Zug wird am Flughafen Zürich halten. Eine Jugendliche, Stöpsel im Ohr, streicht mit dem Daumen über die Oberfläche ihres Smartphones, ein Mann liest ein Buch, ein anderer, der Anzug trägt, wühlt in seinem Aktenkoffer. Er fährt bestimmt zur Arbeit – so wie ich, von Konstanz nach Frauenfeld, mit dem Zug, fünf Tage die Woche. Es ist einer der schönsten Arbeitswege, die es gibt.

Pendeln hingegen ist nichts Besonderes. Denn Pendler, das sind laut dem Bundesamt für Statistik Personen, «die zum Aufsuchen des Arbeitsplatzes ihr Wohngebäude verlassen». Das waren in der Schweiz im Jahr 2013 neun von zehn Erwerbstätigen. 70 Prozent davon arbeiteten ausserhalb ihrer Wohngemeinde, sie sind «interkommunale Arbeitspendler».

Ich bin sogar ein internationaler Arbeitspendler, einer von 4505. So viele Grenzgänger aus dem Ausland waren Ende 2014 im Thurgau beschäftigt, die meisten im Gesundheits- und Sozialwesen. vier Prozent der Grenzgänger kommen aus Österreich, unter ein Prozent aus Frankreich, Italien und Liechtenstein, 94 Prozent aus Deutschland. Gibt es auch Thurgauer Grenzgänger? Nach Hochrechnungen des Bundesamts für Statistik pendeln 900 bis 1000 Thurgauer nach Deutschland zur Arbeit.

Es dauert nicht lange, bis der Zug zum ersten Mal hält – in Kreuzlingen. Fahrgäste steigen ein. Die Strecke führt an Wiesen und Feldern vorbei. Die Sonnenblumen, die noch im August hier blühten, sind längst verwelkt.

Erst Beton, dann Weitsicht

In Tägerwilen legt sich der Zug in eine Kurve und fährt den Berg hinauf. Erst sind nur hohe Konstanzer Gebäude zu sehen – viereckige Betonbauten, das Münster. Doch je weiter der Zug den Berg hinauffährt, desto weiter wird auch die Sicht: ganz Kreuzlingen und Konstanz, bis nach Meersburg und ins Bodensee-Hinterland sieht man. Das Wasser liegt ruhig in der Morgensonne. Die Neubauten entlang der Bahnstrecke von Kreuzlingen nach Lengwil haben zum See hin breite Fassaden aus Glas.

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Zwischen Berg und Kehlhof nimmt der Zug wieder eine grössere Kurve. Es ist – wie in Tägerwilen – als würde jemand einen Vorhang aufziehen zu einer Kulisse. Sie zeigt ein Tal, hinter dem sich das Alpsteinmassiv erstreckt. Der Säntis als grösster Berg hebt sich von den anderen ab. Das Grau der Bergspitzen hat viele Schattierungen.

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Einen Berg hinauf und wieder hinab – das war einst die Aufgabe des kleinen Gondel-Abteils in Kehlhof. Es steht direkt an den Gleisen in einem Garten neben einer grünen Rutsche.

Der Thurgau – ein Wohnkanton

«Nächster Halt: Weinfelden», tönt es aus dem Lautsprecher. Der Zug wird langsamer, hält an, die Türen öffnen sich. Es steigen mehr Leute ein als aus. Eine Frau setzt sich mir gegenüber, sie klappt einen Laptop auf. Geschickt wandern ihre Finger über die Tastatur. Sie bleibt sitzen, als ich später in Frauenfeld aussteige.

Wahrscheinlich gehört sie zu den 42 600 Thurgauern, die in einem anderen Kanton arbeiten. Die meisten dieser Wegpendler arbeiten in Winterthur oder Zürich. Knapp halb so viele Personen kommen als Zupendler in den Thurgau: 23 900 arbeiten hier, leben aber in einem anderen Kanton. Diese Zahlen stammen aus dem Jahr 2010. Der Thurgau sei ein Wohnkanton, heisst es auf den Internetseiten des Kantons. Mit Grosszentren in der Nähe sei das typisch für eher ländliche Gebiete.

Hinter Weinfelden öffnet sich die Tür zum Abteil. «Grüezi mitenand, Billettkontrolle.» Jacken reiben an Rückenlehnen, wer in seinen Sitz gesunken war, richtet sich wieder auf. Ich hole mein Portemonnaie aus der Tasche und reiche dem Kondukteur mein Ostwind-Billett für acht Zonen.

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Als der Kondukteur zum nächsten Fahrgast weitergeht, fährt der Zug bei Eschikofen über die Thur. Der Moment ist gerade lang genug für einen Blick durch das stählerne Fachwerk der Eisenbahnbrücke – dem Verlauf der Thur folgend. Das Ufer ist an beiden Seiten von hohen Sträuchern gesäumt. Ist der Fluss überquert, geht die Fahrt bald zu Ende. «Nächster Halt: Frauenfeld».

Der Interregio braucht für die Strecke von Konstanz nach Frauenfeld 37 Minuten. Das ist mehr Zeit als die 30 Minuten, die Schweizer Pendler im Durchschnitt für ihren Arbeitsweg zurücklegen. 53 Prozent davon fahren mit dem Auto, im Thurgau sind es über 60 Prozent. Mit steigender Tendenz nutzen schweizweit 16 Prozent aller Pendler die Bahn. Einige von ihnen teilen sich einen Streckenabschnitt mit mir.

Per Schiff zur Arbeit

Welcher Arbeitsweg könnte noch schöner sein als diese Zugfahrt? Vielleicht statt am See entlang, über den See. 50 Pendler reisen nach Angaben der Schweizerischen Bodensee Schifffahrt täglich mit dem Schiff in den Thurgau oder aus dem Thurgau an die andere Seeseite – eine exklusive Gruppe. Ich stelle mir vor, wie die Pendler an der Reling der Fähre von Friedrichshafen nach Romanshorn stehen. Sie schauen auf das Wasser, das ruhig in der Morgensonne liegt. Und sie fragen sich, ob es einen schöneren Arbeitsweg gibt.

Von Lengwil aus überblickt man den Bodensee. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Von Lengwil aus überblickt man den Bodensee. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Viel herbstliche Farbe: Der Blick vom Bahnhof Kehlhof ins Tal. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Viel herbstliche Farbe: Der Blick vom Bahnhof Kehlhof ins Tal. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Bei Eschikofen fährt der Zug über die Thur. Hinter dem Stahlfachwerk der Eisenbahnbrücke kann der Blick auf beiden Seiten dem Verlauf des Flusses folgen. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Bei Eschikofen fährt der Zug über die Thur. Hinter dem Stahlfachwerk der Eisenbahnbrücke kann der Blick auf beiden Seiten dem Verlauf des Flusses folgen. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))