Der Rheinregulierer

«Meine ersten Arbeitstage kamen mir vor wie Ferien», sagt Markus Mähr. Nicht, dass er nichts zu tun gehabt hätte. Doch die Schweiz verband er bis anhin mit Freizeit. Als Kind und später auch als Jugendlicher verbrachte der 37jährige Vorarlberger die Schulferien oft im Tessin.

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Markus Mähr will in den nächsten zwanzig Jahren den Rhein zum Naherholungsgebiet umgestalten. (Bild: Urs Jaudas)

Markus Mähr will in den nächsten zwanzig Jahren den Rhein zum Naherholungsgebiet umgestalten. (Bild: Urs Jaudas)

«Meine ersten Arbeitstage kamen mir vor wie Ferien», sagt Markus Mähr. Nicht, dass er nichts zu tun gehabt hätte. Doch die Schweiz verband er bis anhin mit Freizeit. Als Kind und später auch als Jugendlicher verbrachte der 37jährige Vorarlberger die Schulferien oft im Tessin. Migros und Coop waren für ihn Ferienläden. «Gehe ich nun über Mittag einkaufen, überkommen mich beim Anblick der Schweizer Produkte Feriengefühle», sagt Mähr.

Dies, obwohl er Anfang Juli eine Mammutaufgabe übernommen hat: 30 Kilometer Rhein liegen in seinen Händen. Mähr soll die Hochwassersicherheit von der Illmündung bei Oberriet bis zum Bodensee erhöhen. Der Rhein hat dort ein Schadenpotenzial von mehreren Milliarden Franken.

Harmoniebedürftiger Ingenieur

Die Regierungen der Schweiz und Österreichs haben beschlossen, Abhilfe zu schaffen. Sie beauftragten die Internationale Rheinregulierung (IRR) damit, ein Projekt auszuarbeiten, das die Hochwassersicherheit erhöht und den Grenzfluss zudem ökologisch aufwertet. Die Kosten dafür werden auf 600 Millionen Franken geschätzt. 50 Interessenten haben sich bei der IRR für die Leitung des Projekts beworben. Der promovierte Bauingenieur Markus Mähr hat die Stelle bekommen. Zuvor arbeitete er für die Tiroler Wasserkraftgesellschaft. Auch Tunnels hat er schon gebaut – zum Beispiel den Rettungsstollen zwischen der Strasse und den Eisenbahnschienen im Arlbergtunnel. Den begehrten Job verdankt er aber nicht nur seinen technischen Fähigkeiten. «Ich bin sehr ruhig, überlegt und auch harmoniebedürftig», sagt Mähr. Letzteres sei besonders wichtig bei diesem Projekt, da die Interessen zweier Länder berücksichtigt werden müssten. Die Schweiz muss keine Angst haben, dass sie zu kurz kommt beim Vorarlberger. «Ich suche stets den gemeinsamen Weg.» Zudem ist sein Arbeitsplatz in der Schweiz. Derzeit in Rorschach und ab September in St. Margrethen. Bis 2013 geht es darum, herauszufinden, mit welchen baulichen Massnahmen der Hochwasserschutz verbessert werden kann. Ziel ist es, dass die Abflusskapazität von heute 3100 auf 4300 Kubikmeter pro Sekunde erhöht wird. Der Rhein soll auch Wetterereignissen trotzen können, die nur alle paar hundert Jahre vorkommen. Geplanter Baubeginn ist 2017; die Arbeiten dauern 20 Jahre.

«Meine Lebensaufgabe»

Besonders am Herzen liegt Markus Mähr dabei die Natur. «Das ökologische Potenzial des Rheins ist lange noch nicht ausgeschöpft.» Das will er ändern. Im Fluss und an den Ufern sollen Tieren und Pflanzen Lebensräume geboten werden. Auch die Fliessgeschwindigkeit soll reduziert werden. Dies nicht nur der Natur zuliebe. Mähr hat eine klare Vision des Rheins in 25 Jahren: «Der Fluss wird im Leben der Anwohner einen höheren Stellenwert erhalten und Naherholungsgebiet sein. Dadurch rücken die Schweiz und Österreich näher zusammen.» Für die Verwirklichung seiner Vision will Mähr persönlich Sorge tragen. «Ich sehe den Rhein als Lebensaufgabe.» Der Familienvater baut derzeit in der Nähe des Rheins im vorarlbergischen Röthis ein Eigenheim. Jeanette Herzog