Der Rentier-Flüsterer

Auf Gran Canaria hat er mit Krokodilen gearbeitet. Jetzt betreut Santiago Godoy die Rentierherde beim Restaurant Stählibuck. Am Chlaustag dieses Jahres wird er als Santi samt Rentieren die Gäste begrüssen.

Christine Luley
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Santiago Godoy gewöhnt die Rentiere daran, an der Halfter geführt zu werden. (Bild: Christine Luley)

Santiago Godoy gewöhnt die Rentiere daran, an der Halfter geführt zu werden. (Bild: Christine Luley)

DINGENHART. 7.30 Uhr, ein Mann betritt das Gehege beim Restaurant Stählibuck. «Hola, qué tal, Sunny, Hope, Mika, Suma, Ronja, Pirta, Anuuk, Sultan, Kosmos y Djago?», begrüsst er die auf ihn zueilende Rentierherde.

Ein vielfaches «Klack-klack- klack» erklingt. «Dieses Knacken entsteht durch die Bewegung der Sehnen in den Fussgelenken», erklärt Santiago Godoy. Der Tierpfleger aus Gran Canaria arbeitet seit einem Jahr «mit der Bande», wie er sagt. Die jüngeren Tiere drängeln sich um ihn, wollen Streicheleinheiten. Ein vorwitziges Ren stupst ihn immer wieder mit der Nase. «Das ist Sunny, er ist sehr anhänglich, denn er wurde mit der Flasche aufgezogen, weil seine Mutter zu wenig Milch hatte», sagt Godoy.

Flechten als Delikatesse

«Santiago klingt so alt», sagt der 31-Jährige. «Ich ziehe Santi vor.» Jetzt steht er in der Futterkammer und rüstet Rüebli, Fenchel, Randen und Heu, wägt die Zutaten ab, und mischt sie mit pelletiertem Kraftfutter. Das richtige Verhältnis ist wichtig. «Rentiere haben eine sensible Verdauung.» Santi deutet auf eingepackte Säckli mit Flechten drin. «Die mögen sie am liebsten, das ist wie Glace für sie.»

Nach der Fütterung, der Reinigung des Geheges und des Stalles findet der Unterricht statt. Godoys Schüler kommen etwas zerzaust daher, sie stehen mitten im Fellwechsel. Die Tiere schütteln sich, büschelweise fliegen Haare weg. Santi legt Sunny und Mika ein Halfter an und deutet auf einen Stecken mit einem aufgespiessten Tennisball, dem sogenannten Target, englisch für «Ziel».

Training mit Krokodilen

«Nähert sich die Schnauze des Tieres dem Tennisball, erhält es eine Belohnung», erklärt er den Sinn des Targets. Das Tier merkt sich: «Ich bekomme eine Belohnung, wenn mein Maul den Ball berührt und ich dem Menschen folge.»

Santi Godoy hat in einem Zoo auf den Kanaren als Tierpfleger mit Krokodilen und anderen Tieren gearbeitet. Vor einem Jahr kam er der Liebe wegen in die Region und suchte Arbeit. Der Zufall wollte es, dass die Wirtsleute einen neuen Betreuer für die Rentiere und die anderen Tiere beim Restaurant suchten. Er kümmert sich nun um die Tiere und erledigt auch Umgebungsarbeiten.

Wie eine zweite Familie

Natürlich gebe es Unterschiede zwischen der Arbeit mit Krokodilen und Rentieren. «Krokodile sind kalte Tiere, aber da ist auch der Adrenalinkick, denn das Training ist gefährlich.» Rentiere hingegen seien sensibel, und zwischen Pfleger und Tier entstehe eine Beziehung. «Die Rentiere sind meine zweite Familie», lacht Godoy. «Sunny y Mika, vamos», die beiden folgen Godoy durchs Gehege. Zur Freude der Gäste sei er mit ihnen auch schon durch die Gartenwirtschaft spaziert. Seine Grossmutter hatte auf den Kanaren einen Bauernhof, und er als ihr Enkel sei immer ein Fan von Tieren gewesen. Nach einem nicht abgeschlossenen Studium der Politikwissenschaften arbeitete er in diversen Zoos und Parkanlagen.

Nicht einfach nur herzig

Der Sage nach ziehen Rentiere den Schlitten des Weihnachtsmanns durch die Luft. Ganz so abenteuerlich geht's am 6. Dezember beim Restaurant Stählibuck nicht zu und her, man bleibt auf dem Boden. «Santi begrüsst als Samichlaus die Gäste mit seinen Rentieren», verrät Geschäftsführerin Vivian Heller. Aus Sicherheitsgründen seien Schlitten- oder Wagenfahrten mit Rentieren in den Hintergrund gerückt. Die Entwicklung des Gastrobetriebs gehe jedoch weiter in Richtung Erlebnisgastronomie. Man denke an Reiten für kleine Kinder im Gehege. «Wir wollen aber nicht nur auf den «Jöö-Effekt» setzen, sondern dem Publikum auch den Lebens- und Kulturraum der Rentiere zeigen», sagt Vivian Heller. Dafür sei ein Showroom geplant.

Vom 3. bis 5. Juli feiert das Restaurant Stählibuck zehn Jahre Wirtefamilie Benz/Heller. Am Samstagnachmittag können Kinder Rentiere und Schlangen erleben. www.restaurantstaehlibuck.ch

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