Der Prüfer gibt das Okay

Acht Jahre lang wurde der 100jährige Saurer-Lastwagen restauriert. Nun darf der 3,5-Tönner, der unter anderem im Ersten Weltkrieg im Einsatz gewesen war, offiziell auf die Strasse.

Sebastian Schneider
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Bei der Motorfahrzeugkontrolle: Restaurateur Hugo Pfister am Steuer des 100jährigen Saurer-Lastwagens, der Ausserrhoder Prüfer René Aerni zusammen mit Miteigentümer Peter Zanotta. (Bild: Ralph Ribi)

Bei der Motorfahrzeugkontrolle: Restaurateur Hugo Pfister am Steuer des 100jährigen Saurer-Lastwagens, der Ausserrhoder Prüfer René Aerni zusammen mit Miteigentümer Peter Zanotta. (Bild: Ralph Ribi)

BÜHLER. «Gewaltig. Ganz schön.» René Aerni ist vom Saurer-Lastwagen mit Jahrgang 1913 beeindruckt. Oldtimer habe er schon viele gesehen und für die Strassen zulassen können, sagt der Mechaniker, der für den Kanton Appenzell Ausserrhoden die Motorfahrzeugkontrollen in Bühler durchführt. «Doch einen Lastwagen, der in solch perfekter Weise restauriert wurde, habe ich in meinen 30 Jahren noch nie gesehen.»

Acht Jahre am Werk

«Heute gibt's nur noch die Studierten – Handwerker wie er sind bald ausgestorben», sagt Aerni und deutet auf Hugo Pfister, den Restaurator. Auch von Neugierigen auf dem Werkareal erntet Pfister Anerkennung.

Acht Jahre lang arbeitete der gelernte Landmaschinenmechaniker auf diesen Moment hin. Im Auftrag der St. Galler Firma Zanotta AG restaurierte der 52jährige Familienvater den 3,5-Tönner so originalgetreu wie möglich. Das Ziel war, den Wagen mit einem Schussloch im Kühler zu seinem 100jährigen Bestehen so herzurichten, dass er für die Strassen zugelassen werden kann. Jetzt ist es so weit – Aerni gibt das Okay.

Der Saurer-Lastwagen, der einst von der französischen Armee für den Ersten Weltkrieg requiriert wurde, darf wieder auf die Strasse. Der Oldtimer-Lastwagen gilt nun als Lieferwagen, der an allen Wochentagen ausgefahren werden darf.

Nur bei schlechter Sicht, nachts und durch den Tunnel darf das 100jährige Gefährt nicht tuckern. Der Wagen hat nämlich weder Blink-, Nebel- noch Scheinwerferlicht. Das «Blinken» muss der Beifahrer übernehmen – mittels einer Tafel mit einem Pfeil darauf. Aerni macht Einträge ins Protokoll. «Sie dürfen den Wagen nur zu zweit fahren», sagt er zu Pfister und Peter Zanotta, einem Vertreter der Eigentümerfamilie. Warum Aerni den Wagen ohne elektrisches Licht zulassen darf, liegt am Jahrgang des Lastwagens. Denn dieser ist älter als das Konkordat von 1914, das erstmals elektrische Lichter an Motorfahrzeugen vorschreibt.

Gute Abgaswerte

Der Lastwagen hinterlässt Aerni nicht nur wegen des sorgfältigen Handwerks einen guten Eindruck, sondern auch wegen seiner Werte. Die Bremsleistung der Getriebebremse wie auch jene auf die Hinterräder ist gut. Als «phänomenal» bezeichnet der Fahrzeugexperte die Abgaswerte. «Der Kohlenmonoxid-Anteil schwankt gerade mal um die drei Prozent.»

Hugo Pfister ist erleichtert. Unter seiner Schirmmütze, die er von einem Kostümverleih ausgeliehen hat, kann er seine Freude nicht verbergen. Peter Zanotta – auch er in Gilet, Daunenhemd und Stoffhosen – sucht die Anleitung. Um den Wagen zu starten, sind zwölf Punkte zu beachten. Zum Schluss kurbelt Pfister den Motor an; Zanotta zündet seine Zigarre an. Die beiden setzen sich auf die Fahrerbank und rattern davon – mit knapp 30 Kilometern pro Stunde.