Der Pate soll 16 Jahre in Haft

FRAUENFELD. Der kalabrische Staatsanwalt hat für den mutmasslichen Kopf der 'Ndrangheta-Zelle in Frauenfeld und seine rechte Hand Gefängnisstrafen von 16 und 14 Jahren beantragt. Der Prozess findet am 23. Oktober in Italien statt. Weitere «Auslieferungs-Prozeduren» seien aktiviert worden.

Ida Sandl
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Film-Still aus einem Überwachungsvideo: Es zeigt ein geheimes Mafiatreffen in Wängi. (Bild: pd)

Film-Still aus einem Überwachungsvideo: Es zeigt ein geheimes Mafiatreffen in Wängi. (Bild: pd)

Die Schweiz sei von der Mafia regelrecht kolonialisiert worden. Das sagt Antonio de Bernardo, kalabrischer Staatsanwalt und Ankläger bei der Operation Helvetia. Dabei geht es um die beiden mutmasslichen 'Ndrangheta-Bosse aus Frauenfeld, die in Kalabrien auf ihren Prozess warten.

Staatsanwalt De Bernardo beantragt 16 Jahre Haft für Antonio N., er soll der Pate der Frauenfelder 'Ndrangheta-Zelle gewesen sein. Raffaele A. habe als seine rechte Hand gewirkt. Ihn möchte de Bernardo 14 Jahre hinter Gitter schicken. Dies meldet die italienische Presseagentur AGI, ebenso wie verschiedene italienische Zeitungen. Der Prozess soll am 23. Oktober stattfinden.

Kaltblütig und ehrgeizig

Die Beschuldigten sind vor einem Jahr in Kalabrien verhaftet worden und sitzen seitdem in Italien im Gefängnis. Sie haben einem abgekürzten Verfahren zugestimmt. Die Männer haben im Thurgau ein sehr diskretes und weitgehend unauffälliges Leben geführt. Auch deshalb hat ihre Verhaftung grosse Verblüffung ausgelöst. Antonio N. arbeitete als Lastwagenchauffeur, Raffaele A. als Taxifahrer. Beide sind verheiratet und haben Kinder. Antonio N. war unter seinen Spitznamen, «'Ntoni, lo Svizzero», der Schwätzer oder der Schweizer Berg in Mafia-Kreisen bekannt. 'Ntoni, lo Svizzero, ist inzwischen 66 Jahre alt. Der Staatsanwalt wirft ihm kriminelle Geschäfte, Erpressung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung vor.

Er wird als Mann beschrieben, der durchaus eine gewisse Herzlichkeit ausstrahle, aber andererseits auch kaltblütig und extrem ehrgeizig sei.

Struktur wie in Italien

Die 'Ndrangheta-Zelle in Frauenfeld soll bereits seit etwa 40 Jahren bestehen. Sie sei nach einem ähnlichen hierarchischen Muster aufgebaut, nach dem auch die Clans in Kalabrien funktionieren. Im Innern eine traditionelle Struktur, gegen aussen eher modern und unauffällig – wie ein Chamäleon.

'Ntoni, lo Svizzero, habe zwar eine gewisse Autonomie gehabt, seine Befehle aber direkt von den Mafia-Kadern in Kalabrien erhalten. Die Regeln hätten die Mafiosi in Kalabrien festgelegt, schreibt die Zeitung «Corriere della Calabria».

Ehre und Würde

Die Mafia habe in der Schweiz eine stabile Organisation mit einer Kontrolle aufgebaut, die es ihr erlaube ihre illegalen Geschäfte zu verwalten. Das sagt Staatsanwalt de Bernardo in seiner Anklage. Die Clans hätten ihre illegalen Machenschaften von Drogenhandel bis zu Erpressungen auch diesseits der Alpen betrieben.

In der Schweiz hat vor allem das Video aufgeschreckt, das die italienische Polizei ins Internet gestellt hat. Es zeigt eine Versammlung der Thurgauer 'Ndrangheta-Zelle im Bocciaclub in Wängi, der in einem Anbau des Gasthofs Schäfli eingemietet war (siehe Foto).

Im Video schwört der mutmassliche Pate die Anwesenden auf die Werte des Clans ein: Die Rede ist von «Ehre, Weisheit und Würde». Er sagt aber auch, dass es kein Problem sei, an einem Tag zehn oder 20 Kilo Heroin zu beschaffen. Die Polizei hat unzählige Telefongespräche zwischen den Mafiamitgliedern abgehört. Dabei wurde deutlich, dass es zwischen 'Ntoni, lo Svizzero und seinem entfernten Verwandten, dem Paten vom benachbarten Singen, um ein Haar zu einem blutigen Streit gekommen wäre.

Machtgelüste von lo Svizzero

In einem Telefonat von 2009 beklagt sich der Singener Chef bitterlich bei Domenico Oppedisano, dem grossen Paten in Kalabrien. Lo Svizzero wolle sein Territorium über die Grenze nach Deutschland ausdehnen, wettert der Singener. Falls ihn Kalabrien nicht zur Vernunft bringe, werde er den Schweizer stoppen und Krieg und Feuer ausbreiten. Alles werde «schlecht enden», zitiert «Le Matin» aus einem abgehörten Telefongespräch. Es endete tatsächlich schlecht, allerdings zuerst für den Singener Mafiosi. Er wurde im Juli 2010 verhaftet, ebenso wie Domenico Oppedisano.

16 weitere Verdächtige

Laut der italienischen Presseagentur AGI gibt es neben den beiden Verhafteten 16 weitere verdächtige 'Ndrangheta-Mitglieder, die sich noch auf Schweizer Boden befinden. Die italienischen Behörden hätten für die Verdächtigen die «Auslieferungs-Prozeduren aktiviert».

Beim Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement gibt man sich zugeknöpft. Ingrid Ryser, die stellvertretende Informationschefin, weist darauf hin, dass internationale Fahndungsersuchen dem Amtsgeheimnis unterstehen und somit vertraulich seien. Ihres Wissens seien aber bisher keine Personen festgenommen worden.