Der Mann mit der Ledermappe

Mitte Dezember hatte eine grosse Trauergemeinde in Frauenfeld René Marti einen würdigen Abschied bereitet. Man kannte ihn als Mann mit der Ledermappe, in der er immer mindestens eine seiner Publikationen mittrug.

Bruno Oetterli Hb.
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René Marti Frauenfelder Lyriker (1926 bis 2014) (Bild: pd)

René Marti Frauenfelder Lyriker (1926 bis 2014) (Bild: pd)

Mitte Dezember hatte eine grosse Trauergemeinde in Frauenfeld René Marti einen würdigen Abschied bereitet. Man kannte ihn als Mann mit der Ledermappe, in der er immer mindestens eine seiner Publikationen mittrug. Man kannte ihn als umgänglichen, jovialen Zeitgenossen, der mit jedermann gerne ein Wort wechselte. Er hatte sich in den verschiedensten beruflichen Herausforderungen zu bewähren: René Marti war Kaufmann, Fremdsprachenkorrespondent, kantonaler Angestellter, Direktionsadjunkt in der Kunstgewerbeschule Zürich, Dienstchefstellvertreter im Sozialamt der Stadt Zürich und betrieb als Journalist die von ihm gegründete neue Presse-Agentur. Daneben bildete er sich in seinen Lieblingsgebieten Literatur und Philosophie ständig weiter.

Autor und Freimaurer

Mit seinem Geburtsjahr 1926, das gleichzeitig das Todesjahr Rainer Maria Rilkes war, und mit identischem Monogramm RM, fühlte er sich bereits als junger Mann zum Schreiben bestimmt. Deshalb suchte er schon früh den Anschluss an Schreibende, umso mehr, als er sich ganz ausgesprochen zu den Menschen hingezogen fühlte. Er wurde Mitglied in ungewöhnlich vielen Schriftstellervereinigungen im In- und Ausland. René Marti kannte keine Berührungsängste: Obwohl Mitglied im Verband katholischer Schriftsteller Österreichs, tat er auch aktiv in einer Freimaurerloge mit. Alle diese Mitgliedschaften vermittelten ihm wertvolle Kontakte und Stoffe, die er für sein Schreiben zu nutzen versuchte. Besonders wertvoll waren für den angehenden Schriftsteller, der schon 1954 mit einem ersten Prosabändchen an die Öffentlichkeit getreten war, jene Organisationen mit eigenen Publikationsorganen. So beschickte René Marti während Jahrzehnten alle möglichen Zeitungen und Zeitschriften mit seinen Beiträgen, worüber er akribisch Buch führte. Ebenso über seine zahlreichen Lesungen in Literaturzirkeln, Altersheimen und Kirchgemeinden. Nicht alles hatte literarischen Rang. Immerhin: Manche Gedichte wurden in Anthologien aufgenommen, was den Poeten René Marti darin bestärkte, sich vermehrt der Lyrik zu widmen. Ab 1967 erschienen neun Poesiebändchen. Anfänglich dem Rilke-Ton sehr zugetan, nahm er mit der Zeit neue Strömungen auf: so die japanisierenden Kurzgedichte, die ab etwa 1960 in Europa Mode wurden. Mit Lili Keller, Brigitta Weiss («Gib allem ein bisschen Zeit», 1993) und Magdalena Obergfell erarbeitete Partnergedichte (Tanka und Renga) waren für die Schweiz weitgehend neu und wegweisend.

Breite Palette

Insgesamt reicht René Martis poetische Palette von der Romantik und dem Symbolismus «bis zu Gebilden geradezu Brecht'scher Lakonik. Auch formal arbeitet René Marti mit den verschiedensten Typen: vom einfachen Volkslied über die Spielarten der Epigrammatik bis zu Bauweisen, die in der Nähe der konkreten Poesie angesiedelt sind», schrieb Mario Andreotti 2006 im Vorfeld zur Verleihung des Frauenfelder Anerkennungspreises. Diese Preisverleihung änderte wenig an der Tatsache, dass René Marti in seinem Heimatkanton Thurgau lange nicht gebührend wahrgenommen wurde. Und schon 2008 wurde er im Literaturführer Thurgau nicht erwähnt.

Noch ist es zu früh für eine abschliessende Würdigung seiner literarischen Leistung, denn dazu – sagt uns Schleiermacher – müsste der Ausleger den Autor besser verstehen, als er sich selber verstanden hat. Nun besteht die Hoffnung, dass seine Arbeiten im neuen Thurgauer Literaturarchiv, das sich im Aufbau befindet, für die Nachwelt erhalten werden können.

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