«Der Mann ist unbelehrbar»

Für die Staatsanwältin ist er ein «renitenter Wiederholungstäter», der seine Pflichten als Vater verletzt. Dem Verteidiger fehlen die Beweise dafür. Gestern stand der strenggläubige Moslem Emir Tahirovic vor Gericht – einmal mehr.

Regula Weik
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ALTSTÄTTEN. Der Mann ist unverkennbar. Ihn und seinen Bart kennt die ganze Schweiz, seit er vehement und hartnäckig gegen das Kopftuchverbot der Schulgemeinde St. Margrethen kämpfte – bis vor Bundesgericht. Und dort recht bekam. Ein Kopftuchverbot sei mit der Glaubens- und Gewissensfreiheit nicht vereinbar, befanden die Lausanner Richter vergangenen Dezember.

Gestern stand der strenggläubige Moslem erneut vor Gericht. Diesmal im Rheintal. Eine Situation, die ihm längst vertraut ist. Emir Tahirovic versteckt sich deswegen nicht. Mit weissem T-Shirt und brauner Hose steht er vor dem Altstätter Rathaus und blickt ruhig in die Kameras. Zur anstehenden Verhandlung vor dem Kreisgericht Rheintal mag er sich nicht äussern. Noch nicht. Allenfalls am Abend. Allenfalls auf Twitter. Er schüre den Streit durch seine Twitter-Nachrichten, seine Fernsehauftritte, seine Interviews, hält ihm die Staatsanwältin später vor.

«Er narrt die Behörden»

Tahirovic ist Vater von drei Töchtern und einem Sohn. Er schickt die Kinder in die Schule und an Schulanlässe – oder eben nicht. So blieb seine älteste Tochter, heute 14jährig, dem Schwimmunterricht fern. Er könne ihr nicht etwas erlauben, «das Allah nicht zulässt», so der Vater. Eine zweite Tochter ging nicht ins Winterlager, der Sohn fehlte unentschuldigt beim Singspiel, nachdem er an allen Proben teilgenommen hatte. «Und dies alles unter dem Deckmantel der Glaubens- und Gewissensfreiheit», wie die Staatsanwältin festhält.

Sie ist überzeugt: Das Verschulden des 40jährigen Bosniers wiegt schwer. Er verletze seine Pflichten als Vater, er verstosse in «krasser Art und Weise» gegen die Fürsorge- und Erziehungspflicht. Er missachte amtliche Verfügungen und widersetze sich dem kantonalen Volksschulgesetz. «Er fordert Toleranz und verstösst gleichzeitig gegen die hiesigen Gesetze», so die Staatsanwältin. Und: Durch sein Verhalten dränge er seine Kinder bewusst in eine Aussenseiterrolle. Der Mann sei «unbelehrbar» und narre immer wieder die Behörden. «Er ist alles andere als ein Ersttäter. Er ist ein Wiederholungstäter.»

Der Verteidiger relativiert die Vorwürfe. Er fordert einen Freispruch vom Hauptvorwurf der Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht. Es gebe keine Beweise, dass die Kinder durch das Verhalten des Vaters körperlich oder seelisch gefährdet seien. Das seien «reine Interpretationen, Mutmassungen und unzulässige Folgerungen der Staatsanwaltschaft». Die Behörden von St. Margrethen würden ihn «immer wieder und absichtlich in einen Gewissenskonflikt bringen», sagt der Angeklagte. Lieber gehe er ins Gefängnis, als dass er seine Glaubensregeln breche.

Geldstrafe oder Gefängnis?

DHinter Gitter will ihn auch die Staatsanwältin bringen. Sie fordert eine unbedingte Freiheitsstrafe von vier Monaten. Zum einen sei der Mann «unbelehrbar und unbeeindruckt von den bisherigen Verurteilungen». Zum andern dürfte er kaum über die finanziellen Mittel verfügen, um eine Geldstrafe zu bezahlen.

Tahirovic hat seit Jahren keine feste Arbeitsstelle mehr, die Familie lebt von der Sozialhilfe. «3700 Franken für Telefon, Internetanschluss, Essen, Kleider», wie er sagt. Und die Familie ht hohe Schulden, einen sechsstelligen Betrag. Er habe Hunderte von Bewerbungen geschrieben. Er sei zu keinem einzigen Vorstellungsgespräch eingeladen worden. Das sei «Anstellungsdiskriminierung», sagt er. «Ich wollte schon wegziehen.» Denn er ist überzeugt: «Es ist nicht in der ganzen Schweiz so wie hier im Rheintal.» Auch in Bosnien ginge es ihm nicht schlechter als hier, höchstens finanziell ein wenig. Doch ernsthaft scheint er den Wegzug aus der Schweiz nicht in Betracht zu ziehen: «Ich möchte die Sache hier zu Ende bringen», sagt er. Er lebt seit 1990 hier.

Seit Jahren im Streit

Die Familie liegt seit Jahren mit den Behörden ihres Wohnorts im Streit. Die Eltern wurden bereits vor einem Jahr wegen denselben Vorwürfe verurteilt. Im Dezember dann hatten sie von der Staatsanwaltschaft erneut Strafbefehle erhalten. Beide fochten sie an; die Ehefrau zog ihre Einsprache später zurück. Sie hätten auf «die Empfehlung des Anwalts» vertraut; all die Rechnungen, Warnungen, Briefe – «das ist schon viel».

Zum beantragten Strafmass der Staatsanwaltschaft sagt Tahirovic: «Das ist übertrieben.» Und es sei «arrogant» anzunehmen, dass er die Mittel für eine Geldstrafe nicht habe. «Es gibt moslemische Vereine, die mir helfen und die einen Teil der Kosten bezahlen werden.» Im Kopftuch-Streit hatte ihn der Islamische Zentralrat unterstützt. Auf ihn kann er aktuell nicht zählen. Er habe ihm nur in der Kopftuch-Frage geholfen, sagt Tahirovic.

Am Abend dann der Gerichtsentscheid: Tahirovic wird zu einer Geldstrafe von 100 Tagessätzen à 30 Franken und zu einer Busse von 1000 Franken verurteilt.