Der Luchs streift dem See entlang

GÜTTINGEN. Am letzten Samstag hat ein Güttinger Landwirt beobachtet, wie ein Luchs am Waldrand ein Reh erlegt. Zehn Tage zuvor tappte dasselbe Jungtier in der Nähe von Salenstein in eine Fotofalle. Dass die Wildkatze in dieser Region auftaucht, ist äusserst selten.

Urs Brüschweiler
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Am Morgen des 7. Juli tappte der Luchs ob Salenstein in die Fotofalle. (Bild: pd/Jagd und Fischereiverwaltung Kanton Thurgau)

Am Morgen des 7. Juli tappte der Luchs ob Salenstein in die Fotofalle. (Bild: pd/Jagd und Fischereiverwaltung Kanton Thurgau)

Das Reh springt aus dem Wald. Der Luchs hinterher und packt seine Beute. Der Lehrling des Güttinger Landwirts Markus Heeb beobachtete am Samstagmittag beim Gülleausfahren ein seltenes Spektakel: eine Wildkatze bei der Jagd in freier Natur. Der Luchs liess das tote Reh vorerst auf der Wiese im Gebiet Tanneloo liegen. Heeb bot Werner Bischof auf. Er ist der Aufseher im Jagdrevier Altnau. «Aufgrund der Bissabdrücke war klar, es war zweifellos ein Luchs», erzählt er. Er entschied, den Kadaver der Rehgeiss vorerst unverändert an Ort und Stelle zu lassen, in der Erwartung, dass der Luchs zu seiner Beute zurückkehrt. Und in der Tat: Als Bischof am Abend noch einmal vorbeischaute, sass das Tier friedlich am Waldrand.

Eine Rehgeiss und ihr Kitz

«Es war reiner Zufall, ich konnte ihn aus etwa 35 Metern mit dem Handy fotografieren.» Wahrscheinlich sei es ein junges Tier gewesen, vermutet Werner Bischof. «Die sind noch nicht so scheu.» Das knapp einen Meter lange und etwa 50 Zentimeter hohe Raubtier hatte das Reh allerdings bereits verschleppt. Nur noch ein Stück Fell fand sich auf der Wiese. «Im Wald habe ich später noch das Haupt eines Rehkitzes gefunden», erzählt Bischof. «Das hat er wohl auch geschlagen.» Für den Altnauer Jagdaufseher ist das Antreffen eines Luchses ein besonderes Erlebnis. «Es ist nicht üblich, dass hier ein Tier gesichtet wird.»

Dieses Reh fiel der Raubkatze zum Opfer. (Bild: pd/Jagdaufseher Werner Bischof)

Dieses Reh fiel der Raubkatze zum Opfer. (Bild: pd/Jagdaufseher Werner Bischof)

Er kam vom Seerücken

Elf Tage vorher war derselbe Jungluchs noch auf dem Seerücken ob Salenstein unterwegs. Er tappte dort in eine Fotofalle, berichtet Roman Kistler, Chef der kantonalen Jagd- und Fischereiverwaltung. Obwohl es relativ schwierig ist, den Luchs aufgrund der Güttinger Bilder zu identifizieren, handelt es sich sehr wahrscheinlich um dieselbe Wildkatze. «Das wäre sonst ein riesiger Zufall.» Das einjährige Jungtier sei vom Bestand im Tössstockgebiet ausgezogen, um ein eigenes Revier zu finden. «Das ist ganz typisch.» Luchse legen dabei bis zu 150 Kilometer zurück. Kistler meint, es könne gut sein, dass die Raubkatze jetzt bereits im Rheintal sei. «Einen Luchs in freier Wildbahn zu beobachten gelingt nicht vielen», sagt Kistler. Es sei ein freudiges Ereignis, dass das Tier hier auftauche. Zum letzten Mal ist im Winter 2011/2012 ein Luchs in dieser Region nachgewiesen worden. Auf dem Seerücken riss ein Tier, das aus dem Berner Jura gekommen war, ein Schaf.

Kein Risiko für Menschen

Ein Problem sei die Anwesenheit des Raubtiers nicht. «Es besteht null Risiko für Spaziergänger oder Hündeler», sagt Kistler. Die Wildkatze lebt hauptsächlich von Rehen, erlegt ab und zu einen Hasen und ganz selten reisse sie mal ein Schaf. «Der Luchs ist eine Bereicherung für unsere Fauna», betont Roman Kistler. In den vergangenen Jahren hätten sich auch die Jäger mit dem Räuber arrangiert. Das geschützte und einst ausgerottete Wildtier wurde vor 40 Jahren wieder in der Schweiz angesiedelt. Seit 2001 läuft das Projekt Luno, welches den Luchs auch in die Nordostschweiz bringen will. Der Thurgau beteiligt sich daran. Im Toggenburg leben derzeit bereits zwölf Tiere. «Der Luchs in Güttingen zeigt auch auf, dass diese Bemühungen Früchte tragen», findet Kistler.

Landwirt Markus Heeb auf der Wiese, wo der Luchs das Reh erlegte. (Bild: Urs Brüschweiler)

Landwirt Markus Heeb auf der Wiese, wo der Luchs das Reh erlegte. (Bild: Urs Brüschweiler)