Der Kuhn-Nachlass ist Chefsache

FRAUENFELD. Anstoss war eine Serie der Thurgauer Zeitung: Nun ordnet Staatsarchivar André Salathé den Nachlass des ehemaligen Münsterlinger Psychiaters. Zudem verfasst er eine Projektskizze zur Aufarbeitung der Psychiatriegeschichte. Ende dieses Jahres wird die Kantonsregierung laut Plan einen Beschluss fassen.

Inge Staub
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Staatsarchivar André Salathé ordnet den Nachlass des Psychiaters Roland Kuhn. (Bild: Stefan Beusch)

Staatsarchivar André Salathé ordnet den Nachlass des Psychiaters Roland Kuhn. (Bild: Stefan Beusch)

Seit Februar befindet sich der Nachlass des Psychiaters Roland Kuhn im Staatsarchiv. Der Regierungsrat hat dem Staatsarchiv einen zusätzlichen Kredit zur Verfügung gestellt, damit der Nachlass geordnet und elektronisch verzeichnet werden kann. Diese Arbeit ist im Gange. André Salathé, Chef des Staatsarchivs, hat diese Aufgabe selbst übernommen. Er wird dabei von einem Kollegen unterstützt. Teilaufträge vergibt das Staatsarchiv an Dritte.

«Der Nachlass ist von seiner Struktur her kompliziert, man muss aufpassen, dass man nicht durch zu viel Ordnung den Kontext durcheinanderbringt», begründet der Staatsarchivar, weshalb die Ordnung der Dokumente von Roland Kuhn Chefsache ist. Er muss Aktenordner auf einer Länge von 70 Metern durcharbeiten, welche die Tätigkeit Roland Kuhns als Arzt und Forscher sowie seine weitläufige Korrespondenz enthalten.

Salathé geht davon aus, dass die Erfassung des Nachlasses bis Herbst 2014 dauern wird. Parallel dazu erstellt er eine Projektskizze für den Regierungsrat, in welcher er aufzeigt, wie die Aufarbeitung der Geschichte der Thurgauer Psychiatrie umgesetzt werden kann und wie dies finanziert werden könnte.

Regierung fasst Beschluss

Die Projektskizze wird die Regierung noch in diesem Jahr erhalten. Mit einem allfälligen Entscheid ist ab Dezember zu rechnen. Dass die Geschichte der Psychiatrie aufgearbeitet werden soll, das hat der Regierungsrat bereits im Frühjahr signalisiert. Damals teilte er mit, dass eine Reihe von historisch und gesellschaftspolitisch relevanten Fragen aus dem Bereich der Psychiatrie im Thurgau von den 1930er- bis in die 1970er-Jahre wissenschaftlich abgeklärt werden sollen.

Sobald der Regierungsrat einen Beschluss gefasst hat, werden Historiker beauftragt, diese Forschungsarbeit zu übernehmen. Der Verein für Sozialpsychiatrie Thurgau fordert, dass hierzu auch Zeitzeugen befragt werden. Mit einbezogen werden sollen neben den direkt betroffenen ehemaligen Patientinnen und Patienten auch die Angehörigen von unfreiwillig in der Psychiatrie Behandelten, das Pflegepersonal, die Ärzteschaft der damaligen Zeit und Vertreter der Fürsorge- und Vormundschaftsbehörden.

André Salathé geht davon aus, dass die Historiker diesem Wunsch nachkommen werden. Bestimmte Fragen, zum Beispiel über das Alltagsleben in den Psychiatrischen Kliniken, liessen sich per Oral-Historie klären.

Arzneimittel getestet

Im Zusammenhang mit den Vorwürfen, die gegen das ehemalige Kinderheim St. Iddazell in Fischingen erhoben werden, gerieten die Psychiatrie Münsterlingen und deren ehemalige Direktoren Adolf Zolliker und Roland Kuhn in die Kritik.

Wie die Thurgauer Zeitung in einer Serie aufzeigte, wurden unter der Leitung von Roland Kuhn nicht zugelassene pharmazeutische Wirkstoffe an Patienten, darunter auch Jugendliche, getestet. Zur Debatte stehen zudem die genealogische Forschung Adolf Zollikers, die Gutachten der Klinik in bezug auf Schwangerschaftsabbrüche, Sterilisationen und Kastrationen.